Unrecht heißt Familienrecht
Justiz der Lügner - Kapitel 1
«Es tut mir ja so leid, bitte verzeihen Sie mir!», sagt Freya Feuerbach immer wieder zu der tränenüberströmten Frau, die vor ihr auf dem unpassend fröhlich gemusterten Sessel sitzt. Nun schämt sie sich für die dummen Worte, mit denen sie vorhin auf die lauten, schrillen Schreie von Frau Peters reagiert hat. Nun ist es ihr peinlich, dass sie in ihrer naiven Unwissenheit zu der verzweifelten Frau gesagt hat: «Jetzt schreien Sie hier herum, aber warum haben Sie die Kinder denn überhaupt zu ihm gelassen? Wussten Sie denn nicht wozu der fähig ist? Sie haben doch jahrelang mit dem Mann zusammengelebt!»«Glauben Sie etwa, ich hätte meine Mädchen da freiwillig hingehen lassen!», hat Frau Peters ihr daraufhin weinend geantwortet, «Ihr habt bei der Polizei wohl noch nie was von Familienrecht gehört!»
Die selbstkritische Freya gibt sich in Gedanken eine Ohrfeige und schalt sich: «Wann wirst du den richtigen Umgang mit trauernden Menschen lernen? Sensibilität bitte!»
Auch für ihren ansonsten recht großspurigen, wortgewandten Vernehmungspartner Arno Waterman ist die Situation so bedrückend, dass er ungewohnt still geworden ist. Er rutscht unbehaglich hin und her und versucht, ganz entgegen seiner sonstigen Gewohnheit, das Gespräch möglichst weitgehend Freya zu überlassen.
Die beiden Polizeibeamten sind vor etwa zwei Stunden in diese Wohnung gekommen und haben mit der Nachricht, die sie überbringen mussten, auf einen Schlag das Leben der Frau zu Scherben geschlagen, die jetzt zusammengesackt mit tränenüberströmten Gesicht vor ihnen sitzt, bewegungslos bis auf die zitternden Hände, mit denen sie manisch an einem kleinen Plüschaffen zerrt und knetet.
«Ihr geschiedener Mann hat ihre beiden Töchter ermordet.»
Das war die zu übermittelnde Botschaft, eine schwere Bürde für die Überbringer und ein unerträglicher Alptraum für die Empfängerin der Nachricht. Freya hat es überrascht, dass die Aussage der Polizei von Frau Peters kein bißchen in Frage gestellt wurde, wollten Eltern doch gewöhnlich nicht glauben, dass es sich tatsächlich um ihr Kind handelt, bis sie ihm in der Leichenhalle gegenüberstanden. Doch diese Mutter zeigte merkwürdigerweise keine Abwehr, keinen Unglauben, wie er sich gewöhnlich in Sätzen wie «Das kann nicht sein!» äußert. Sie reagierte unmittelbar mit heftigen Ausbrüchen von Schmerz und Trauer.
Es ist den Beamten überhaupt erst möglich geworden, mit Frau Peters zu sprechen, nachdem der Notarzt gekommen ist und sie mit Beruhigungsspritzen vollgepumpt hat. Das laute Heulen ist inzwischen zu kläglichem Schluchzen abgeflaut, nur noch ab und zu von einzelnen Schreien unterbrochen. Nun können sie auch nachfragen, wer von ihren Freunden oder Familienangehörigen zu ihr in die Wohnung kommen könnte, denn Freya und ihrem Kollegen ist in diesem Fall das Suizidrisiko zu hoch, um die Frau alleine zu lassen. Frau Peters will niemand außer ihrer ein Jahr älteren Schwester sehen. Nun sitzen die beiden Beamten wie auf heißen Kohlen, um die Ankunft der Schwester zu erwarten, damit sie wiederum gehen können. In der Zwischenzeit versuchen sie, ein Gespräch mit der kleinen, blassen Frau zu führen. Was sie bisher aus ihr herausgebracht haben, läßt Freya innerlich vor Wut kochen. Die Umgangsregelung für die beiden bei einem solchen Treffen ermordeten Mädchen ist gegen den Willen von Frau Peters und gegen den Willen der beiden Kinder vom Jugendamt beschlossen worden und bei der Gerichtsverhandlung über das Sorgerecht wurde nur auf die Vertreterin des Jugendamts gehört. Die Bedenken der Mutter interessierten die Richter nicht das kleinste bißchen. Frau Peters hatte daraufhin die Wochenenden, an denen die Kinder sich bei ihrem ehemaligen Mann befanden, in panischer Angst verbracht, sie nicht wieder heil zurückzubekommen. Freya wird klar, dass sie deshalb sie beim Anblick der beiden Polizeibeamten sofort erwartet hat, ihren Mädchen müsse etwas Schreckliches passiert sein.
Es klingelt. Noch bevor Freya aufspringen kann, ist ihr Kollege schon in der Diele. Sie hört ihn eine Weile mit einer Frau sprechen. Es scheint die erwartete Schwester zu sein. Als er mit der Frau das Wohnzimmer betritt, sieht Freya auf den ersten Blick, dass ihre Vermutung zutreffend war. Sie steht einer dickeren, aber etwas kleineren Ausgabe von Frau Peters gegenüber, die sofort an ihr vorbei auf die Schwester zueilt, um diese fest in die Arme zu nehmen.
Die beiden Polizeibeamten verabschieden sich so bald es geht. Schweigend laufen sie die zwei Treppen mit den schlichten Betonstufen hinunter zur Haustür des Mehrfamilienhauses. Erst als sie im Auto sitzen, macht sich Freya Luft: «Warum musste ausgerechnet ich da mit hin! So was liegt mir eben nicht, ist doch klar, dass ich dauernd was Falsches sage. Ich habe sicher alles noch schlimmer gemacht.»
Arno Waterman antwortet: «Ach was, für solche Einsätze bist du erste Wahl.»
«Was, soll das ein Witz sein! Du hast doch gerade gesehen, wie schlecht ich das kann. Ich habe diese typische Weiblichkeit voller Einfühlungsvermögen und Anpassungsfähigkeit einfach nicht drauf. Was meinst du, warum ich Kommissarin und nicht Sozialarbeiterin geworden bin.»
«Du bist trotzdem erste Wahl, einfach weil du die einzige Frau im Team bist. Außerdem hast du dich garnicht so übel verhalten. Man kann solche Sachen einfach nicht richtiger machen und es ist immer noch besser, eine Frau bringt das rüber als ein Mann, denn die Kinder sind schließlich von einem Mann abgemurkst worden.»
«Also du meinst, das könnte die Vertrauensbasis zum männlichen Geschlecht generell beeinträchtigt haben. Das kann ich natürlich nachvollziehen», antwortet Freya, in leicht sarkastischem Ton, denn Arno hat schon mehrfach Freyas «negative Einstellung zum männlichen Geschlecht» beklagt, wenn sie seine eindeutigen Annäherungsversuche ignoriert hat. Seit Freya vor einigen Monaten neu ins Team gekommen ist, gibt sich Arno Waterman nämlich große Mühe, sie mit seinem Charme zu beeindrucken. Freya ist dagegen nicht ganz so immun, wie sie sich gibt, aber fest entschlossen, sich nicht durch emotionale Komplikationen am Arbeitsplatz ihre Berufschancen zu verpatzen.
Die beiden fahren auf der rechten Fahrspur der Hauptstraße entlang. «Achtung, wir müssen uns links einordnen, wenn wir ins Büro wollen!» ruft Freya jetzt.
«Wieso ins Büro? Das war doch unser letzter Einsatz heute», entgegnet Arno, «Ehrlich gesagt, habe ich fest damit gerechnet, dass wir noch zusammen ein Bier trinken gehen.»
«Keine Zeit! Ich muss noch meinen Bericht weiterschreiben.» Freya ist froh, dass sie diesen Grund für ihre Absage anführen kann. Der Besuch bei Frau Peters hat sie dermaßen geschlaucht, dass sie sich jetzt sehr anfällig fühlt, wenn ihr jemand zärtlich kommt. In dieser Stimmung ist es klüger, das gemeinsame Bier mit Arno zu vermeiden und überhaupt, sie hat wirklich noch einiges zu tun. Denn seit heute um die Mittagszeit der große, bullige Herr Peters mit den Worten: «Ich habe etwas Furchtbares getan, ich stelle mich der Polizei», das Polizeirevier betreten hat, ist der Tagesplan beim Dezernat für Gewaltdelikte umgeworfen worden. Freya hat ihren Bericht, an dem sie gerade schrieb, unterbrechen müssen, um mit Arno Waterman die betroffene Mutter zu benachrichtigen. Zwei weitere Kollegen übernahmen die Vernehmung des Täters und einige fuhren zum Tatort, wo die beiden kleinen Leichen noch lagen.
Freya verabschiedet sich also vor dem Polizeigebäude von Arno Waterman und geht hinauf ins Büro. Sie wird den heute morgen begonnenen Abschlußbericht zum Fall Jürgens fertigstellen, ein Fall von bewaffneten Raubüberfall, der, obwohl garnicht so einfach zu durchblicken, durch effektive Polizeiarbeit zügig geklärt wurde. Sie wird sich mit diesem Fall, auf dessen schnelle Aufklärung das Team zu Recht stolz ist, beschäftigen, statt ihre Gedanken auf Frau Peters mit ihrer Wohnung voller Kinderspielzeug, aber von nun an ohne Kinder, zu richten. Freya schaltet ihren Computer ein und öffnet die angefangene Datei. Sie hat noch lange zu tun.
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