Unrecht heißt Familienrecht

Justiz der Lügner - Kapitel 20

Marisa fuhr schnurstracks zur nächsten Tankstelle und fragte erstmal nach einem Liter Motoröl. Der Tankwart sah sie an, als wollte sie in der Eisdiele Unterwäsche kaufen. «Motoröl? So was führe' wir net!» Marisa sah sich im Verkaufsraum um. Hier gab es Zeitschriften und Süßigkeiten, Bier und Kinderspielzeug, es gab nahezu alles, was man im Kaufhaus kaufen konnte, allerdings mit der Ausnahme, dass man nichts für Autos kaufen konnte. «Wo soll man denn Motoröl bekommen, wenn nicht auf der Tankstelle!», meinte sie und der Mann antwortete: «Dafür müsse' Sie ins Kaufhaus. Bei dem Einkaufszentrum grad da drübe', auf der linke' Seit', da gibt's auch eine Tankstelle mit Servicecenter. Vielleicht frage' Sie mal da!»
Marisa fuhr also zu der vorgeschlagenen Tankstelle. Von den vier Zapfsäulen waren aus unerfindlichen Gründen drei gesperrt, vor der übriggebliebenen hatte sich daher bereits eine lange Autoschlange gebildet. Marisa stieg aus und sah sich um, ob es hier wohl Motoröl geben könnte. Schließlich wollte sie nicht eine halbe Stunde in der Schlange stehen, um dann doch kein Öl zu bekommen. Der Autofahrer vor ihr, ein sympatischer Mann in ihrem Alter, fragte, was sie suche. Auf ihre Auskunft hin, antwortete er: «Motoröl, das brauchen Sie nicht zu kaufen, ich habe einen Kanister in meinem Kofferraum. Machen Sie gerade mal die Motorhaube auf, dann fülle ich es Ihnen ein.»
Marisa hatte so ihre Bedenken, denn der Deckel des Einfüllstutzens ließ sich nur ruckartig, mit erheblichem Kraftaufwand hochziehen. Und tatsächlich, der Mann schaffte es nicht, was ihm natürlich furchtbar peinlich war. Marisa überlegte, ob sie sich, um den Preis schmieriger, schwarzer Hände, selbst ans Hochreißen des Deckels machen sollte. Sie brauchte schließlich das Öl, doch es würde die Peinlichkeit für den Mann, der ohne Überheblichkeit einfach freundlich gewesen war, sicher noch vergrößern. Aber dann ging es plötzlich zügig vorwärts und der hilfsbereite Autofahrer war ohnehin mit Tanken an der Reihe. «Dann fahren Sie eben hier um den Block herum zum Servicecenter, das ist auf der anderen Seite!», gab er Marisa noch schnell einen Ratschlag, bevor er zur Tanksäule vorfuhr.
Das Servicecenter bestand aus drei großen aneinander gebauten Werkhallen, in denen Marisa, die zur Zeit einzige Kundin, niemanden arbeiten sah. Auf dem Schild mit den Öffnungszeiten las sie zu ihrem Schreck, das es eine viertel Stunde vor Feierabend war. «Oh nein!», dachte sie, «Ob hier überhaupt noch jemand ist?»
Doch die Tore standen noch alle offen, das beruhigte sie und schließlich fand sie auch noch einen Mechaniker, noch dazu einen besonders hübschen mit einem langen Zopf glänzend schwarzer Haare. Er brachte ihr das Öl sogar auf den Parkplatz hinaus und füllte es problemlos ein, wobei er sie charmant anflirtete. Als sie bezahlen wollte, sagte er: «Nein danke, Sie brauchen nichts zu bezahlen, ich möchte Ihnen das Öl schenken.»
Marisa war verblüfft, denn dieser hübsche Mechaniker schien ihr gerade halb so alt wie sie selbst und sie hatte im Laufe ihres Lebens gelernt, dass ein Mann niemals hilfsbereit und großzügig gegenüber einer Frau ist, die er nicht attraktiv findet.
Diese Einsicht hatte sie allerdings erst nach einer Reihe peinlicher Vorfälle erworben, wo sie zuerst, ganz naiv, männliche Geschenke als freundliche Großzügigkeit betrachtet hatte, um dann anschließend zu merken, dass der jeweilige Mann glaubte, damit Rechte auf sie erworben zu haben. Sie hatte im Laufe der Jahre schon von zahlreichen Männern Werbegeschenke geboten bekommen, von den eher klassischen wie Blumensträußen und Einladungen zum Kaffee bis hin zu so praktischen Dingen, wie einem Sack Holz. Doch Motoröl hatte noch niemand angeboten, und jetzt gleich zweimal hintereinander. Marisa amüsierte sich darüber, während sie sich herzlich für das Öl bedankte. Dann verabschiedete sie sich freundlich von dem hübschen Mechaniker und hetzte zur Autobahn, denn die lange Zeit, die sie auf der Suche nach dem Öl verbracht hatte, brachte die Gefahr, dass sie nun in den Feierabendverkehr geraten könnten.
Doch das passierte nicht, sie kamen zügig voran. Die verlorene Zeit brachte allerdings eine weit drastischere Behinderung, doch davon merkten sie vorerst noch nichts. Bis etwa fünfzig Kilometer vor dem Ziel, kamen sie sogar besonders schnell vorwärts, aber gerade nachdem Marisa gesagt hatte: «So, jetzt dauert es höchstens noch eine halbe Stunde, bis wir zu Hause sind», gab es einen Stau. Es fing noch ganz harmlos an, mit Schritttempo und einigen kleinen Pausen, doch dann standen sie auf der Stelle. Es war inzwischen dunkel geworden und es regnete. Dadurch wurde es im Wageninneren bald kühl und die Scheiben beschlugen. Geduld war nicht gerade die größte Stärke der van Hünsels, und so fühlten sie sich durch das untätige Warten schwer genervt. Endlich fuhren einige Polizeiwagen zwischen den beiden Autokolonnen, wo Marisa dicht an der inneren Leitplanke stand, hindurch. «Der Stau ist wegen einem Unfall», sagte Robby, als die Polizeifahrzeuge an ihnen vorbeikamen. «Dann geht es jetzt sicher bald weiter, wenn die Polizei schon da ist», meinte Marisa, aber da war sie schwer im Irrtum.
Es verging eine Stunde, es verging eine zweite Stunde, aber nichts tat sich. Viele Leute waren schon ausgestiegen und liefen trotz naßkaltem Wetter auf der Autobahn herum. Plötzlich rannten alle zu ihren Fahrzeugen, denn eine weitere Gruppe von Rettungsfahrzeugen kam zwischen den beiden Autoschlangen hindurch angefahren. Wer noch nicht an den äußersten Rand der Autobahn gequetscht stand, musste jetzt dorthin ausweichen, denn es handelte sich um große Fahrzeuge, Feuerwehrrettungsdienste, unter anderem zwei Kranwägen. Wieder schöpften sie Hoffnung, dass sie jetzt gleich weiterfahren könnten, doch wieder vergeblich.
Es herrschte eine unheimliche Stimmung auf der Autobahn. Inzwischen hatten alle ihre Scheinwerfer ausgeschaltet, so dass es stockfinster war. Die Scheiben waren nun so beschlagen, dass das Wasser daran herunterlief, bis es Marisa auf die Knie tropfte. Alle drei bibberten vor Kälte. Marisa packte die Reisetasche aus und verteilte die Ersatzkleidung der Jungen und ihre Schlafanzüge auf Robby und Enrico, darüber die einzige Decke, die sie glücklicherweise noch im Kofferraum fand. So blieben wenigstens die Kinder einigermaßen warm und da es schon nach Mitternacht war, schliefen sie bald ein. Marisa aber zitterte weiter auf dem Fahrersitz und ihr schmerzten alle Knochen. Sie erschrack, als plötzlich jemand an die Scheibe klopfte. Zwei massige Männer sprachen sie an und deuteten mit Handbewegungen an, sie solle das Fenster herunterkurbeln. Da die beiden aber einen finsteren Eindruck auf sie machten, schrie sie sicherheitshalber durch die geschlossene Fensterscheibe, um zu fragen, was sie wollten. «Wollen Sie einen Kaffee haben?», schrie der eine zurück, obwohl die Männer nichts bei sich trugen, das einer Thermoskanne ähnlich gesehen hätte.
«Nein!», antwortete Marisa, «Aber haben Sie eine Ahnung, was passiert ist, das würde ich gerne wissen.» Die Männer wussten Bescheid. Sie hatten schon einige Kilometer Fußweg bis zur Unfallstelle hinter sich. Dort waren zwei große LKWs ineinander gefahren, die jetzt, umgestürzt, die Autobahn blockierten.
Robby und Enrico wachten von dem Geschrei natürlich auf. «Wir stehen ja immer noch hier!», bemerkte Enrico entsetzt und Marisa erzählte, was sie soeben erfahren hatte. Kurz darauf kamen die nächsten Polizeifahrzeuge, diesmal mit einer Lautsprecheransage an alle Autofahrer: «Wir werden jetzt die Autobahn räumen, bitte wenden Sie alle Ihre Fahrzeuge und fahren Sie in umgekehrter Richtung bis zur letzten Ausfahrt zurück! Achten Sie auf unsere Durchsagen, wir werden Sie, von hinten angefangen, gruppenweise zum Wenden auffordern! Folgen Sie dann den vorausfahrenden Polizeifahrzeugen!» Es dauerte dann nochmals eine halbe Stunde bis Marisa mit dem Wenden an der Reihe war, ein riskantes Manöver, weil sie zwischen großen Lastwagen eingeklemmt stand. Danach fuhr sie erst ein Stück über die Autobahn, dann über Landstraßen durch zahlreiche kleine Dörfer, vor ihr eine unübersehbar lange Autoschlange, die mit den zahlreichen rot und gelb leuchtenden Lichtern in der ländlichen, nächtlichen Landschaft vollkommen surreal wirkte.
Die Route ging im großen Bogen um die Autobahn herum, bis sie etliche Auf- und Abfahrten später schließlich über die erste nicht gesperrte Auffahrt zurück auf die Autobahn führte. Von hieraus waren es nur noch zehn Minuten bis zu Hause, aber als Marisa und die Jungen aus dem Auto stiegen, war es bereits zwei Uhr nachts.
Völlig übermüdet schleppten sie sich die Treppe in den ersten Stock hoch, denn die Erdgeschosstür war von innen verriegelt. Marisa schloss die Wohnungstüre zur Diele auf und starrte entgeistert auf die nächste, gegenüberliegende Tür, die sie vor der Abfahrt abgeschlossen und von innen verbarrikadiert hatte. Das Schloss war aufgebrochen worden und das Holz darumherum zersplittert, die schöne Jugendstiltürklinke lag zerbrochen am Boden und die Tür war voller schwarzer Abdrücke von Fußtritten. Robby fing an zu weinen: «Ich habe Angst, laß uns gehen, vielleicht ist der Einbrecher noch drin.»
«Das glaube ich nicht!», sagte Marisa in beruhigendem Ton, «Das war kein fremder Einbrecher, sondern der Bert», und sie zeigte auf die häßliche, viel zu große Türklinke, die schief und mit Gewalt, an Stelle der zerbrochenen hineingerammt worden war. «Ein Fremder würde doch keine Türklinke da reinzwängen!»
Daraufhin fing Robby erst recht an zu weinen, er konnte sich überhaupt nicht mehr beruhigen. «Das ist ein Verbrecher!», schluchzte er, «Ich will den nie mehr sehen! Ich hasse ihn!»
Die Jungen waren beide ungeheuer empört über den Einbruch, den Marisa selbst nicht so tragisch nahm. Was sie jedoch in rasende Wut versetzte, war die Sache mit der Türklinke. Die zerbrochene Messingtürklinke nämlich, die nun vor der Tür hingeschmissen lag, hatte sie selbst einmal in einem Container vor einer Baustelle an einer weggeworfenen alten Tür entdeckt. In ihrer besten Ausgehkleidung war sie in den schmutzigen Container geklettert und hatte die Klinke geborgen, weil es sich um eine Orginal-Jugendstil-Türklinke handelte, genau richtig für ihre Tür. Sie so demonstrativ vor die Tür geworfen und statt dessen ein klobiges Billigprodukt aus den 60-er Jahren hineingerammt zu bekommen, empfand sie als Symbol für all das Negative, das sie in den letzten Monaten von Bert in ihr schönes wohlgeordnetes Leben gerammt bekommen hatte. Sie wollte nicht einmal mehr bis zum Morgen warten, um diesen Schandfleck zu beseitigen.
So machte sie sich, sobald sie Robby ins Bett gebracht hatte, mit ihrem Werkzeug an die Arbeit. Die übergroße Türklinke saß fest wie eingeschweißt, Marisa war froh, dass sie es überhaupt noch schaffte, sie wieder herauszubekommen, wenn auch nur mit mehr Lärm, als der Nachtruhe zuträglich war. Das Schloss war beim Einbruch so beschädigt, worden, dass sich die Türe überhaupt nicht mehr mit einer Türklinke öffnen ließ. Es ließ sich aber wieder so weit richten, dass der Schlüssel zu drehen war. So schloss sie die Tür ganz ab und sicherte sie zusätzlich mit einem von Guidos Steckschlössern. In die breite Türfüllung auf der Seite der Diele stellte sie dann zwei Sockel mit schweren Plastiken. Die Küche würde von nun an nicht mehr vom Flur aus zu betreten sein. Die Fußspuren und die Bruchstellen am Schloss entfernte sie niemals. Sie wollte keine Beweismittel zerstören, machte dann aber trotzdem nie eine Anzeige bei der Polizei, obwohl es keinen Zweifel über die Identität des Einbrechers gab. Bert hatte es sich nämlich nicht verkneifen können, auf der Küchenseite vor die Türe noch ein zynisches Schreiben auf den Fußboden zu werfen:
«Liebe Marisa, wollte nur meinen Staubsauger aus meiner Wohnung holen, dabei ist mir der Türgriff abgebochen, weil er festgeklemmt war. Morgen brauche ich mein Auto»
Auch ohne Unterschrift konnte jeder am Inhalt des Schreibens den Verfasser erkennen. Allerdings, dass der Text zum ausschließlichen Zweck geschrieben war, Marisa noch zusätzlich zum Einbruch zu verhöhnen, das konnten nur die van Hünsels erkennen. Dazu musste man nämlich wissen, dass Bert diesen Staubsauger, den er nun tatsächlich weggenommen hatte, kein einziges Mal benutzt hatte, solange er mit Marisa befreundet gewesen war, im Gegenteil, jedesmal wenn sie staubgesaugt hatte, hatte er sich über den Lärm beschwert und behauptet, Staubsaugen wäre eine völlig unnötige Tätigkeit, dabei würde man nur den Staub, den man vorne einsaugte, nach hinten wieder auspusten.
Gleich am Tag nach der unerfreulichen Heimkehr, begegneten Enrico und Robby im Treppenhaus Bert. Sie versuchten der Begegnung auszuweichen, doch Bert verstellte ihnen den Weg, um sie inquisitorisch zu fragen: «So, ihr wart also in Kallbronn, was habt ihr da gemacht?»
Enrico antwortete mit der Gegenfrage: «Woher weißt du denn, wo wir waren?»
«Man hat euch gesehen, in der Blumenstraße», behauptete Bert. Enrico fragte: «Wer ist man?»
«Bekannte von mir, die ihr nicht kennt», log Bert.
«Aber sicher kenne ich Oma Heide!», gab Enrico spöttisch zurück, «Und was wir in Kallbronn gemacht haben, hat sie dir doch wohl erzählt. Wir haben Guido besucht.»
Währenddessen sprach Robby kein einziges Wort, sondern sah Bert nur haßerfüllt sah und dachte: «Du mieser Einbrecher, wie kannst du es wagen, uns einfach so anzusprechen, als hättest du nichts verbrochen.»
Marisa ging zur Tür, als sie Enricos Stimme im Flur hörte. Diese Gelegenheit nutzen die Jungen, sich an Bert vorbei zu drücken und schnell in der geöffneten Wohnungstür zu verschwinden.
Marisa und ihre Söhne fanden es nach dem Einbruch noch unerträglicher, mit Bert Kohlmeyer im gleichen Haus zu wohnen. Gleich am nächsten Tag rief Marisa daher bei einem Immobilienmakler an, um ihn mit dem Verkauf des Hauses, bei gleichzeitiger Suche nach neuen Räumen für sie, zu beauftragen. Herr Thelen, der einzige ihr persönlich bekannte Makler, war der Vater einer Mitschülerin Enricos, und kannte das Haus noch von den Kindergeburtstagen, zu denen er seine Tochter vor einigen Jahren gebracht hatte. Er versicherte Marisa, dass es für ihn kein Problem wäre, bald einen Käufer zu finden, doch mit der Suche nach Räumen für sie, könnte es schwierig werden. Also suchte sie ab jetzt auch jeden Mittwoch und Samstag die Angebote der Zeitungen durch. Sie hatte dadurch sehr viele Telefongespräche zu führen und geriet so nun auch zum ersten Mal in ein Telefongespräch, das von Bert geführt wurde. Er sprach mit dem Elekriker Schuhmacher, der gerade albern kicherte, als Marisa in die Leitung kam. Bert hatte das Einklicken bemerkt und verabschiedete sich mit einer Andeutung dazu vom Elektriker, der daraufhin sagte: «Ach, ist sie das, über die wir gerade gesprochen haben! Na gut, dann mach ich jetzt Schluß, ist ja auch schon alles besprochen.»
Marisa wunderte sich, was Bert mit diesem Elektriker so Lustiges über sie zu bereden hatte und erinnerte sich unbehaglich an den seltsamen nächtlichen Vorfall mit ihrem Sicherungskasten.
Während Enrico seine Wettbewerbsarbeit fertig stellte und seine Universitätsvorlesungen besuchte, verbrachten Robby und Marisa die restlichen Osterferien mit Wohnungsbesichtigungen. Robby sagte bei jeder Wohnung, egal wie scheußlich sie war: «Die nehmen wir Marisa, das ist hier immerhin besser als mit dem Bert im gleichen Haus zu wohnen.»
Doch keine Wohnung, die sie ansahen, bot auch nur die geringsten Möglichkeiten für künstlerische Arbeit, dagegen sah Marisa einige wirklich schöne Atelierräume, die sie sofort gemietet hätte, wäre sie alleinstehend gewesen. Doch mit zwei Söhnen konnte sie diese nicht nehmen, denn es gab dort keine Möglichkeit für jeden ein Zimmer einzurichten. Marisa fühlte sich allmählich wie eine Maus in der Falle. Sie war pausenlos damit beschäftigt, Auswege aus der unerträglichen Lebenssituation zu suchen, doch bei jedem Versuch zu entkommen, fand sie sich vor einer weiteren Wand.
Herr Thelen, der Makler kam am vereinbarten Termin. Er sah sich das Erdgeschoß, die Wohnung im ersten Stock und den Keller an. Dann klingelte Marisa bei den Studentinnen im Dachgeschoß, die auch gleich bereit waren, den Makler hineinzulassen. Herr Thelen meinte: «Es ist zwar einiges renovierungsbedürftig, aber dabei handelt es sich hauptsächlich um Schönheitsreparaturen. Ich denke schon, dass ich einen Käufer finde. Ich habe mehrere Interessenten, für die das hier in Frage käme.»
Sie sprachen noch über einen Besichtigungstermin mit diesen Kunden und diskutierten über den möglichen Verkaufspreis. Dann meinte Herr Thelen, er wolle aber noch mit Herrn Kohlmeyer reden und auch dessen Wohnung im zweiten Stock ansehen. Marisa antwortete: «Am besten gehen Sie dort allein hin. Mir ist es nicht möglich, mit diesem Mann zu reden.»
Daraufhin schreckte der Makler etwas zurück. «Also, wenn die Verkäufer sich nicht einig sind, sehe ich keine gute Verkaufsbasis», gab er zu bedenken.
Marisa erwiderte: «Herr Kohlmeyer ist nicht der Eigentümer, sondern nur der Sohn des Eigentümers. Die Eigentümer selbst sind sich sehr wohl einig. Daraufhin ging Herr Thelen in Berts Wohnung. Nach einer Viertelstunde kam er zurück und sagte zu Marisa: «Ich muss den Auftrag ablehnen. Wenn Herr Kohlmeyer so vehement gegen den Verkauf ist, sehe ich keine Chancen, und überhaupt ist das Haus doch in einem viel schlechteren Zustand, als ich es zuerst eingeschätzt hatte.» Und mit diesen Worten rannte er Marisa geradezu fluchtartig davon, bevor sie nur antworten konnte.
Nun versuchte Marisa selbst einen Käufer zu finden, setzte mit Enrico zusammen zahlreiche Annoncen ins Internet und sah weiter die Immobilienseiten der Zeitungen durch. Bert Kohlmeyer versuchte Marisas Bemühungen zu vereiteln, indem er gerade dann, wenn sie Wohnungsbesichtigungstermine hatte, das Auto versteckte. Manchmal schaffte sie noch mit dem Bus hinzukommen, einige Male konnte sie in letzter Minute Bekannte anrufen, die sie zu der zu besichtigenden Wohnung fuhren. Aber nun gab es auch plötzlich Schwierigkeiten mit dem Telefon. Marisa hob den Hörer auf und es kam kein Tonzeichen, die Leitung war tot. Sie suchte im Keller und fand ein altes Telefon. Doch als sie die Apparate austauschen wollte, funktionierte ihr Telefon wieder. Es konnte also nicht am Apparat liegen, dass am nächsten Tag schon wieder die Leitung tot war.
Marisa verlor eine Schülerin ihres Kunstkurses, weil sie nicht mehr telefonisch zu erreichen war. Die Mutter kam eines Mittwochsabends und sagte, es wäre ihr nicht möglich, unter der ihr angegebenen Nummer van Hünsel zu erreichen, sie bekäme immer einen Kohlmeyer. Marisa erklärte, dass sie noch vorübergehend den gleichen Anschluss wie Kohlmeyer hätte und erzählte ein bißchen von ihrer Lebenssituation. Darauf meldete die Frau ihre Tochter gleich ganz ab. «Nein, da habe ich zuviel Angst, hier ins Haus zu kommen, und meine Tochter auch!», erklärte sie, «Wir haben selbst ganz entsetzliche Erfahrungen mit solchen Männern. Wir möchten nicht mehr in Kontakt mit Gewalttätigkeit geraten!»
Auch Robby scheute sich, aus Angst vor Bert Kohlmeyer, durchs Treppenhaus zu gehen. Er blieb immer kurz hinter der Wohnungstür stehen, und horchte, ob niemand von oben kam, dann riß er schnell die Tür auf und rannte in rasendem Tempo die Treppe hinunter zur Haustür. Trotzdem gelang es Bert eines Tages ihn abzufangen. «Ihr wollt also ausziehen!», sprach er ihn an, «Dann zieht nur ruhig mit eurer Mutter in eine häßliche, kleine Billigwohnung! Was anderes kann die sich doch nicht leisten. Da kann sie dann alleine sitzen», lachte er höhnisch, «Ich hole euch natürlich sofort hierher zurück. Das Jugendamt legt großen Wert darauf, den Kindern ihr gewohntes Umfeld zu erhalten!»
Robby war danach völlig außer sich und Marisa beruhigte ihn. «Wenn wir irgendwas finden, das für euch die gleiche Wohnqualität bietet, kann er mit sowas nicht durchkommen. Natürlich macht es das schwieriger, etwas zu finden. Aber wir geben nicht auf, vielleicht kann man von der Hälfte des Verkaufspreises etwas kaufen, meine Eltern wollen uns beim Verkauf des Hauses ihren Anteil am Gewinn schenken.»
Marisa war zwar nicht gerade erpicht darauf, Bert zu begegnen, aber Angst vor ihm hatte sie noch nicht. Sie machte sich allerdings Sorgen, dass er in ihrer Abwesenheit wieder in die Wohnung einbrechen würde und sicherte daher immer die Türen mit Steckschlössern, selbst wenn sie nur für zehn Minuten aus dem Haus musste. Auch jeden Morgen, wenn sie in die Schule fuhr, die nun wieder angefangen hatte, achtete sie sorgfältig auf diese Sicherung und Enrico bekam für die Tage, wo er zu anderen Zeiten als sie selbst aus dem Haus war, ebenfalls den gesamten Schlüsselsatz. An den Tagen, wo Enrico erst zur zweiten Stunde Unterricht hatte, sparte sich Marisa morgens die lästige Abschließerei, denn Enrico ging erst zur S-Bahn, wenn sie selbst wieder zurück war, nachdem sie Robby zur Schule gefahren hatte.
So war es auch an diesem Montag, wo Enrico um neun Uhr in der Schule sein musste. Sie kam nach Hause, als Enrico sich gerade die Jacke anzog, um aus dem Haus zu gehen. Während er zur S-Bahn-Haltestelle lief, kochte Marisa Wasser für ihren Frühstückstee und schaltete den Computer ein, um in der Zeit, bis das Wasser heiß wurde, schon mal Guidos mail von gestern nacht zu lesen. Während sie mit verträumten Lächeln Guidos Worte las, klingelte es an der Wohnungstür. Sie schaute aus dem Erkerfenster und sah zu ihrem Erstaunen Enrico vor der Haustür stehen. «Die S-Bahn ist nicht gekommen!», rief er, «Kannst du mich in die Schule fahren?»
Marisa sah auf die Uhr, es war schon Viertel vor Neun und die Fahrt würde mindestens zwanzig Minuten dauern. «Bleib unten!», rief sie daher zurück, «Ich komme sofort!»
Eilig zog sie ihre Jacke an und spurtete zur Tür «Oh nein, das heiße Wasser!», fiel ihr noch ein. Sie lief zurück, in die Küche, schaltete den Boiler aus und rannte dann aus der Wohnung. In der Eile vergaß sie die Steckschlösser, ja sogar das einfache Abschließen. Sie ließ die Zwischentür ganz auf und zog die Wohnungstür nur schnell ins Schloß. Auf dem Computers blieb das E- mail-Programm offen, mit Guidos Brief auf dem Monitor:
«Liebe Marisa,
deine mail werde ich sehr gut aufheben. Auch ich erinnere mich noch gut an diese Situationen. Unsere Beziehung war die leidenschaftlichste, in der ich je war. Noch heute bin ich sehr glücklich, das wir das erlebt haben. Es war so schön, dass man davon laufen wollte. Ich habe auch nicht mehr nachgedacht, ließ mir mit Freuden den Boden unter den Füßen wegreißen, hineinfallen, total. Ach Marisa, ich wünsche allen Menschen wenigstens ein Mal im Leben so ein totales Glück,...»
Marisa raste derweil mit überhöhter Geschwindigkeit zur Schule und schaffte es so, dass Enrico nur wenige Minuten zu spät kam. Auch auf dem Rückweg beeilte sie sich sehr, weil sie ständig an die ungesicherte Wohnung denken musste. Sie schloss die Haustür auf und lief auf die Treppe zu, da hörte sie schon, wie die Wohnungstür über ihr im ersten Stock zufiel, und gleich anschließend vernahm sie hastige Schritte auf der oberen Treppe. Sobald Marisa in ihrer Wohnung war, lief sie durch alle Räume und sah sich um, ob irgendetwas anders lag als vorher. Dann fiel ihr Blick auf den Computer und sofort wußte sie, womit sich Bert beschäftigt hatte. Ihr erster Gedanke war, dass er allen ihren Briefpartnern unter ihrem Namen Mails geschickt haben könnte, um sie von weiterem Briefwechsel abzuschrecken. Sie bekam nämlich auf Grund einiger seltsamer Verhaltensweisen von Bekannten, die auch mit Bert zu tun hatte, allmählich den Verdacht, dass Bert versuchte, sie sozial zu isolieren. Deshalb verbrachte sie nun den ganzen Morgen damit, an alle Freunde, deren Adressen Bert nun zugänglich gewesen waren, zu schreiben. Sie erklärte ihnen die Situation und fragte, ob sie Post bekommen hätten, die ihnen seltsam vorgekommen wäre. Was Bert aber tatsächlich an ihrem Computer gemacht hatte, merkte Marisa erst zwei Wochen später, als sie Guidos Briefe nachlesen wollte. Es fehlte zahlreiche Mails mit besonders liebevollen und ermutigenden Passagen, es fehlten Mails, in denen von Schikanen Bert Kohlmeyers die Rede war, und natürlich fehlte der lange, detaillierte Bericht über den Einbruch. All das hatte Bert ganz einfach gelöscht.

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