Unrecht heißt Familienrecht

Justiz der Lügner - Kapitel 40

Während Freya am nächsten Morgen in dem ihr zur Verfügung gestellten Dienstwagen südwärts braust, überlegt Arno, wie er das Verhör mit Marisa van Hünsel angehen soll. Diesmal will er sie unvorbereitet erwischen, denn er glaubt, dass sie sich auf das Verhör im Polizeirevier besonders vorbereitet hätte und das der Grund dafür wäre, dass sie ihm dermaßen das Heft aus der Hand genommen hat. «Diese ganzen Vorträge!», denkt er, «So was ist doch keine natürliche Sprechweise. Das hat die doch bestimmt vorher eingeübt, um uns bloß nicht zu Wort kommen zu lassen. Sie lenkt ab, weil sie was zu verbergen hat.»
Arno fährt also zu Marisa van Hünsels Adresse und beobachtet ihr Haus, in der Absicht ihr zu folgen, wenn sie es verlässt und ihr dann ganz unvermittelt plötzlich irgendwo in den Weg zu treten. Einige Zeit passiert überhaupt nichts und Arno fängt an, sich zu langweilen. Dann öffnet sich die Haustür und eine Frau in einem braunen Mantel kommt aus der Tür. Arno ist sofort alarmiert, denn ihre Proportionen entsprechen Frau van Hünsels, auch wenn die Kleidung zu feminin für deren Stil wirkt. «Vielleicht eine Tarnung, weil sie ihn vom Fenster aus bemerkt hat?» Arno fühlt sich sehr exponiert auf seinem Parkplatz am Straßenrand, denn die breite Straßenkreuzung vor dem Haus ist gut einsehbar und in dieser reinen Wohngegend parken nur selten Fremde.
Doch als die Frau auf ihrem Weg zur S-Bahn-Haltestelle an ihm vorbeikommt, erkennt Arno, dass es sich gewiss nicht um Frau van Hünsel handelt, sondern um eine wesentlich jüngere Frau mit ganz anderen Gesichtszügen. Arno kramt geschäftig in seinem Handschuhfach herum, um sich den Anschein zu geben, er müsse dort noch etwas heraussuchen, bevor er aussteigt. Sein Ablenkungsmanöver ist allerdings überflüssig, denn die junge Frau schaut sowieso nicht in seine Richtung.
Danach kommen mehrmals Hundehalter, die ihre Lieblinge zu Entleerungsspaziergängen vor nachbarliche Hauseingänge führen. Sie hinterlassen ein stinkendes, braunes Häufchen, mitten auf dem Bürgersteig, prädestiniert dafür, dass das erste von der Schule nach Hause kommende Kind hineintritt, sowie etliche Pissemarkierungen an den Hauswänden. Ein wenig später biegt ein Fahrradfahrer zügig um die Ecke und hält schnurstracks auf das van Hünselsche Haus zu. Es handelt sich um einen älteren Mann, bekleidet mit einer dunklen Cordhose und einer schwarzen Lederjacke, die Arno an diejenige erinnert, die Freya bevorzugt trägt. Überrascht stellt Arno beim Gedanken an seine Kollegin fest, dass er sie bereits vermisst. «Ob er sie heute abend einfach mal anrufen soll?»
Der Fahrradfahrer schließt nun tatsächlich die Tür des von Arno observierten Hauses auf, klemmt die Haustür mit einen Holzkeil fest und schiebt sein Fahrrad, an dessen Lenker rechts und links zwei große Einkaufstüten hängen, hinein. Zwei Minuten später kommt er zurück und schließt die Tür wieder, wobei Arno ihn von vorne sehen kann: ein dunkler Typ mit leicht ergrautem Vollbart. «Ein weiterer Nachbar von van Hünsel», denkt Arno, «Es scheinen mehr Leute in dem Haus zu wohnen, als man nach den Klingeln vermuten sollte.» Er überlegt sich, ob da nicht auch mal eine gründliche Nachbarschaftsvernehmung angebracht wäre, um Informationen über Marisa van Hünsel zu sammeln.
Gerade als Arno die Warterei aufgeben will, und schon überlegt, ob er nicht besser einfach bei van Hünsel klingeln sollte, kommt Marisa doch noch aus dem Haus, schießt zielstrebig auf ihr Auto zu und ist im Nu losgefahren. Arno hat Mühe, ihr mit ausreichendem Abstand hinterherzufahren, ohne sie aus den Augen zu verlieren, denn gleich nach der ersten Abbiegung beginnt eine Großbaustelle. Schon auf dem Hinweg hat Arno sich schwer darüber geärgert, dass der Verkehr in diesem ganzen Stadtteil durch Absperrungen behindert wird. Seine Wut ist noch gestiegen, als er gesehen hat, weshalb überall die Fahrbahnen mit rot-weiß getreiften Barrikaden blockiert sind. Hier werden sämtliche Bürgersteige herausgerissen, erstklassig intakte Bürgersteige wohlgemerkt. Ihre quadratischen Platten werden durch S-förmige ersetzt und die Paletten mit den neuen Platten, sowie die Container für die alten, werden den Autofahrern in den Weg gestellt. «So ist das, wenn man in einer Stadt wohnt, wo der Stadtrat fest in der Hand der Bauunternehmer ist!», denkt Arno bissig. Er hofft, dass die Anwohner für diese Art Stadtdesign nicht auch noch zur Kasse gebeten werden, denn gerade erst hat man in seinem Stadtteil eine ähnliche seltsame Modernisierungsaktion durchgeführt. Sämtliche alte Gaslampen, noch erstklassig funktionierend, formschön und mit angenehmen Licht, wurden durch häßliche riesige elektrische Lampen von der Art, wie sie auf Stadtautobahnen üblich sind, ersetzt. Jeden Abend, wenn ihr grelles orange-gelbes Licht, das direkt auf die Fenster seiner Wohnung gerichtet ist, seine Wohnung ausleuchtet, kann Arno sich wieder von neuem darüber aufregen. Doch für die Schlaglöcher, die sich schon drei Jahre auf der Straße vor seinem Haus befinden, kommt kein Bauunternehmer, ein paar Schlaglöcher zu füllen bringt wohl nicht genug Geld ein. Während Arno diesen Gedanken nachhängt, fährt ihm auch noch ein Bagger patsch vor den Wagen und blockiert die übrig gebliebene Fahrbahn. Arno brüllt den Baggerfahrer an und haut auf sein Lenkrad. Doch das nutzt ihm nichts, er muss solange stehenbleiben, bis sich der blaue Bagger gemächlich gedreht hat und Frau van Hünsel außer Sichtweite verschwunden ist. Verdammt noch mal, jetzt hat er sie verloren und der ganze Vormittag ist umsonst vertan. Er fährt dennoch weiter die Straße geradeaus, denn von Marisa van Hünsels Stadtteil aus, muss man für jedes Ziel in der Innenstadt erst einmal diese Straße entlang fahren.
Zu seiner Überraschung sieht Arno drei Querstraßen weiter Marisas kleines rotes Auto vor der Zapfsäule einer Tankstelle. Er reagiert schnell, indem er in die nächste Einfahrt einbiegt und dort wartet, bis sie wenig später an ihm vorbeikommt. Marisa van Hünsel fährt dann noch fünf Minuten weiter geradeaus, bevor sie nach rechts abbiegt, wo sie ihren Wagen auf dem Parkplatz eines Supermarkts abstellt und in dem Laden verschwindet. Arno wartet kurz ab und folgt ihr dann. Er erwägt ein zufälliges Zusammentreffen an der Kasse. Doch als er um die erste Regalreihe herumgelaufen ist, sieht er Marisa schon von der Kasse zum Ausgang hasten, während sie die gerade gekauften Bananen und Tomaten in die Tasche stopft. Arno kann sie nicht mehr unauffällig einholen, bevor sie an ihrem Auto ankommt und beschließt daher, ihr lieber noch weiter hinterherzufahren. So geht es noch zehn Minuten geradeaus, bevor Marisa erst nach links und dann zweimal kurz hintereinander rechts abbiegt. Sie hält vor einem Schulgebäude, wo sie anscheinend beabsichtigt, ihren jüngeren Sohn abzuholen.
Marisa ist zu früh gekommen. Das passiert oft, wenn sie unterwegs noch Einkäufe zu erledigen hat. Sie will die Zeit für ihre Besorgungen nicht so knapp kalkulieren, dass sie zu spät an der Schule ankommen könnte, denn Robby braucht noch die Sicherheit, dass sie immer gleich für ihn da ist. Die furchtbaren Ängste, seine Mutter zu verlieren, die Bert Kohlmeyers Verhalten bei ihm ausgelöst hat, sitzen nämlich noch tief. So nimmt Marisa es trotz ihrer knappen Zeit in Kauf, immer mal wieder Wartezeiten vor der Schule abzusitzen. Damit sie sich dabei nicht zu sehr langweilt, hat sie sich etwas zu Lesen mitgebracht.
Arno sieht, wie sie sich das Buch aus der Tasche nimmt und schließt daraus gleich, dass sie noch ein Weilchen dableiben wird. Das ist genau die Gelegenheit für das geplante Zufallstreffen, das er sich vorgestellt hat. Ganz beiläufig schlendert er auf ihr Auto zu. Marisa liest gerade in einem ansonsten recht spannendem Kriminalroman eine in ihren Augen äußerst fade Stelle, in der sich eine von ihrem Mann verlassene Frau mit ihrem Beziehungsschmerz auseinandersetzt. Die Frau empfindet sich durch den Verlust ihres Partners vollkommen zerbrochen und jammert über ihr zerstörtes Leben. Marisa überfliegt diese sie langweilende Passage nur, während sie denkt: «Die weiß nicht wie gut sie es hat! Was ist ihr denn schon passiert. Ihr Mann hat sie plötzlich ohne Vorwarnung verlassen. Na und! Hat er etwa versucht, ihr irgendetwas wegzunehmen oder zu zerstören, was sie sich unabhängig von ihm erarbeitet hat? Nein! Hat er etwa versucht, ihr den kleinen Sohn zu stehlen? Nein! Er hat ihr doch nichts weiter entzogen als sich selbst.» Was wäre Marisa glücklich, hätte sich Bert Kohlmeyer auf solch harmlose Weise von ihr abgewendet. «Du dumme Ziege, weißt doch gar nicht, wie glücklich du sein kannst!», sagt sie in Gedanken zu der literarischen Figur, als ein plötzliches Klopfen an die Scheibe des Autofensters sie hochschrecken lässt.
«Guten Tag, Frau van Hünsel, welch eine Überaschung!», sagt Arno dreist, «Gut, dass ich Sie hier treffe, ich wollte ohnehin gerne noch mal mit Ihnen reden.» Er hat Marisas erschreckten Blick auf sein Klopfen hin mit Genugtuung registriert und gleich als Schuldbewusstsein interpretiert. Marisa war jedoch deswegen so zusammengezuckt, weil es ihr erst einmal passiert ist, dass ihr jemand während der Warterei vor der Schule ans Fenster geklopft hat und da hatte es sich um Bert Kohlmeyer gehandelt, der ihr dort auflauerte, um sie, gehässig grinsend, mit höhnischem Gegeifer zu überschütten.
Arno öffnet die unverriegelte Beifahrertür, nimmt das Buch in die Hand, das Marisa bei seinem Klopfen auf dem Autositz neben ihr abgelegt hat und lässt sich dann auf den Sitz fallen. Mit einem Blick auf den bekannten Kriminalroman sagt er ironisch: «Aha, sie interessieren sich also für Mordfälle. Das trifft sich gut, dann ich möchte gerne noch mal mit Ihnen über den Fall Heize plaudern.»
Marisa erwidert: «Ich lese diese Art Literatur, um zu lernen.»
«Wie Sie Herrn Kohlmeyer risikolos beseitigen können?», fragt Arno spöttisch.
Marisa übergeht die Provokation und antwortet sachlich: «Dieser Schriftsteller ist ein bekannter Bestseller-Autor, trotzdem handelt es sich nicht um einen oberflächlichen Menschen, sondern um jemand, der ein gesellschaftskritisches Anliegen hat. Ich habe mein Leben lang künstlerische Arbeit auf hohem Niveau gemacht, bei sehr schlechter Vermarktung. Was ich lernen möchte ist: Wie kann man trotz Qualitätsanspruch Erfolg haben.»
«Ich dachte immer, Erfolg hätte man gerade wegen der Qualität», wundert sich Arno.
«Im Zeitalter der Massenkultur? In einer Gesellschaft, wo man die Intelligenz ausrottet, indem man intelligenten Frauen die Lebenschancen zertrümmert, falls sie Kinder bekommen und die meisten gebildeten Frauen daraus die Konsequenz gezogen haben, sich diesem Risiko lieber nicht auszusetzen! Meinen Sie etwa, mit einem anspruchsvollen gesellschaftskritischen Text hätten Sie Veröffentlichungschancen? Wenn Sie einen Verleger finden wollen, müssen Sie Unterhaltungsliteratur für die breite Masse bieten.»
«Also, Frau van Hünsel, lassen wir das Thema mal beiseite! Ich kenne allmäh-
lich ihre Vorliebe für theoretische Grundsatzdiskussionen. Damit können Sie vielleicht bei meiner Kollegin ankommen, bei mir nicht! Ich interessiere mich nur für schlichte Fakten und in Bezug darauf haben mich Ihre Aussagen bei unserer Vernehmung nicht überzeugt. Zum Beispiel finde ich es doch etwas unglaubwürdig, dass Sie, nach einer so langjährigen Partnerschaft mit Herrn Kohlmeyer, Eifersuchtsgefühle gegenüber der Frau, die Ihnen die Beziehung kaputt gemacht hat, bestreiten.»
«Weil Sie von der falschen Voraussetzung ausgehen, dass mir überhaupt daran liegt, einen Lebenspartner zu haben, aber das entspricht nicht meinen Vorstellungen, ich stehe im Gegenteil dem Zusammenleben von Männern und Frauen grundsätzlich sehr skeptisch gegenüber. Ich bin der Meinung, dass Ehe und Kleinfamilie patriarchalische Organisationsformen sind, die Frauen nicht wählen würden, wenn sie wirklich die freie Wahl hätten.»
«Das soll ich Ihnen abnehmen?», entgegnet Arno, «Warum haben Sie denn mit Herrn Kohlmeyer zusammen gelebt, wenn Sie angeblich das Zusammenleben mit einem Partner ablehnen?»
«Ja, das ist der größte Hohn bei der Geschichte! Als ich ihn kennenlernte, hatte ich bereits ein abgeschlossenes Kunststudium, ich hatte künstlerische Kontakte, erste Ausstellungen und ein wunderbares Wohnatelier - ein freistehendes Hinterhofhaus, ganz billig und nur für mich allein. Ich hatte bereits alles erreicht, was ich im Leben wollte. Und er war ein absolutes Nichts. Er wollte auch gern Künstler werden und zeigte mir seine Arbeiten, sie taugten nicht viel, aber man konnte erkennen, dass er eine malerische Begabung hat, die bei genügend Förderung zu guten Ergebnissen führen könnte und weil ich fair und großzügig war, habe ihn dabei unterstützt, Maler zu werden. Ich habe ihm sogar einen Platz in meinem Atelier überlassen, weil er bei den Leuten, mit denen er zusammenwohnte, nicht genug Ruhe zum Arbeiten hatte. Nur meine Großzügigkeit ihm gegenüber hat dazu geführt, dass ich alles verloren habe, was ich damals schon hatte.»
«Und deswegen haben Sie verständlicherweise einen Haß auf ihn», schließt Arno, «Und dann lässt er Sie jetzt zum Dank für ihre Großzügigkeit auch noch wegen einer anderen sitzen. Sie werden mir doch nicht erzählen wollen, dass Sie da keine Aggressionen gegen Frau Heize empfunden haben!»
«Wegen dem, was ich durch ihn verloren habe, war ich ihm nie böse, denn das war kein von ihm absichtlich verursachter Schaden und im Übrigen habe ich ihn und mich niemals als ein Paar gesehen, sondern einfach als zwei Künstler, die nicht als Einheit, sondern parallel nebeneinander arbeiten. Es hätte überhaupt kein Zusammenleben gegeben, wenn wir nicht beide versucht hätten, von der Kunst zu leben. Für mich war das einfach Kooperation aus Künstlersolidarität.»
«Naja, vielleicht haben Sie das anfangs tatsächlich so gesehen», räumt Arno ein, «aber dann wurde doch eine Lebensgemeinschaft mit gemeinsamen Kindern daraus, so wie es Herr Kohlmeyer beschrieben hat.
«Also, da muss ich wohl mal klarstellen, dass es so ein Zusammenleben, wie er es vor Gericht behauptet hat, nie gegeben hat. Meine Kinder habe ich mit der ausdrücklichen Übereinkunft von ihm bekommen, dass sie dann ganz allein meine Verantwortung sind. Wir hatten nie eine Wirtschaftsgemeinschaft und unsere Lebensbereiche waren auch räumlich so gut getrennt, wie es bei geringem Einkommen nur eben möglich ist.»
«Dann hat Herr Kohlmeyer Ihnen Ihre Großzügigkeit und Fairness doch wirklich übel vergolten - und dann noch diese ungeheuerliche Kränkung, Sie nach so vielen Jahren wegen der Heize in die Ecke zu stellen. Das können Sie unmöglich so locker weggesteckt haben, wie Sie mir vorspiegeln wollen. Das müssen Sie doch als Demütigung empfunden haben!»
«Wenn Sie meinen, dass ich mich als erniedrigt ansehen müsste, nur weil ein Mann mich verlässt, dann sind Sie ja ungeheuer von Ihrer Wichtigkeit als Mann überzeugt, was!», gibt Marisa zurück, «Sie können sich wohl nicht vorstellen, dass Sie im Leben einer Frau eine unwichtige Randfigur bleiben, ganz egal wie lange Sie mit ihr befreundet sind, weil diese Frau genügend andere Interessen im Zentrum Ihres Lebens hat als Ihre Wenigkeit!»
Leider kann Arno sich das bei Freya sehr wohl vorstellen, worüber er nicht gerade Begeisterung empfindet. Frau van Hünsel jedoch nimmt er diese Einstellung nicht ab, weil ihm immer noch ihre Darstellung als ein krankhaft eifersüchtiges Weibchen, welches, der Partnerbeziehung wegen, das Wohl der Kinder gefährdet, im Kopf herumspukt. Dieses aus Herrn Kohlmeyers Behauptungen gewonnene Bild wurde immerhin in drei Gerichtsverhandlungen von keinem der Richter in Frage gestellt, da kann es doch nicht völlig frei erfunden sein! Nein, Arno ist der Meinung, dass Marisa sich so gibt, weil sie etwas zu verbergen hat, nämlich einen netten, kleinen Racheakt an Frau Heize! Er hackt daher weiter auf der Eifersuchtsgeschichte herum.
«Warum nehmen Sie Herrn Kohlmeyer denn nach allem, was er Ihnen angetan hat, noch in Schutz, wenn Ihnen angeblich nichts mehr an ihm liegt? Mir sieht das eher so aus, als wenn er Ihnen immer noch viel bedeutet!»
Marisa ist vollkommen überrascht «Wie kommen Sie denn auf die Idee? Der Mann ist bei mir persona non grata auf Lebenszeit! Der kann vor meinen Augen sterben, ohne dass ich auch nur einen Finger rühren würde, ihm zu helfen, - und wohlgemerkt, nicht deswegen, weil er eine andere hat, sondern weil er mir auf betrügerische Weise meine Kinder stehlen wollte!»
«Dann erklären Sie mir doch mal, warum Sie bei uns im Präsidium ausgesagt haben, nicht Herr Kohlmeyer hätte Ihre Existenz zerstört, sondern `staatliche Institutionen'. Sie geben einer frauenfeindlichen Justiz die Schuld, statt Herrn Kohlmeyer. Damit nehmen Sie ihn doch sehr in Schutz!»
Marisa schüttelt den Kopf. «Das haben Sie falsch verstanden. Ich werde Herrn Kohlmeyer sein Vorgehen niemals verzeihen, trotzdem weiß ich, dass er, ohne dieses fantastische staatliche Angebot zum Frauen in die Pfanne hauen, vollkommen friedlich aus meinem Leben verschwunden wäre. Das ist logische Analyse, nicht in Schutz nehmen. Sein Verrat ist darum nicht weniger ungeheuerlich.»
«Wieso Verrat, an wen denn?», wundert sich Arno.
«Na, an genau die Leute, wegen denen ich überhaupt eine Künstlergemeinschaft mit ihm eingegangen bin. Es ging dabei um Solidarität gegenüber den mißgünstigen, kreativitätsfeindlichen Spießbürgern, die nun mal die Mehrheit bilden, und so den Künstlern das Überleben in dieser Gesellschaft schwer machen! Diese Paragraphenreiter in Ämtern und Gerichten sind doch genau der Prototyp dieser kleinkarierten Leute und ausgerechnet bei denen hat er mich verleumdet!»
«Es hat eine gewisse Ironie», bestätigt Arno und wundert sich über die Unverfrorenheit, mit der Frau van Hünsel eine solche Weltsicht gegenüber einem Polizeibeamten äußert. Er hat nämlich den Eindruck, dass sie auch ihn bei den mißgünstigen Spießbürgern einordnet und mit dieser Einschätzung liegt er vollkommen richtig. Einer so radikalen Person wie van Hünsel, die zudem keinerlei Recht von den Justizbehörden erwartet, traut er ohne weiteres zu, dass sie zu Selbstjustiz greift.
«Es ist sogar noch ironischer, wenn man bedenkt, mit welchen Leuten er sich zusammengerottet hat, um diesen Verrat zu begehen!», ergänzt Frau van Hünsel nun, «Es handelt sich nämlich um genau die, wegen denen ich ihn überhaupt in mein Atelier gelassen habe, die Leute von seiner damaligen WG, bei denen er nicht in Ruhe arbeiten konnte. Und diese ganze feine Drogenclique von damals lässt jetzt die Justiz für sich arbeiten!»
Das Stichwort Drogenclique lässt Arno, ganz Polizeibeamter, gleich aufhorchen und er fragt nach: «Wieso bezeichnen Sie die Leute als Drogenclique?»
«Weil ihr gemeinsamer Nenner der Haschisch-Anbau war», erklärt Marisa und dann bittet sie Arno, sie jetzt in Ruhe zu lassen. «Mein Sohn kann jeden Moment aus der Schule kommen und dann sage ich sowieso nichts mehr zu dem Thema. Schon allein der Name Kohlmeyer ist für meine Kinder ein rotes Tuch. Sie wollen verständlicherweise nichts mehr von ihm hören!»
Da Arno sich die Ergebnisse aller drei Kohlmeyer-Prozesse gemerkt hat, entgegnet er: «Aber ihre Söhne müssen ihren Vater doch ohnehin jeden Monat zweimal treffen. Herr Kohlmeyer hat vor Gericht schließlich hart um das Umgangsrecht gekämpft, damit er die Beziehung zu den Kindern weiter führen kann.»
Darauf reagiert Marisa nur mit einem unfrohen Gelächter. Arno kann dies nicht deuten und verabschiedet sich irritiert. Noch bevor er an seinem Wagen ankommt, sieht er einen zarten, dunkelhaarigen Jungen aus dem Schulgebäude stürzen, unverkennbar Marisas Sohn. Sein Gesicht leuchtet auf, als er seine Mutter erblickt. Die Mutter nimmt seine Schultasche entgegen, die so schwer ist, dass das Kind sie kaum halten kann und wirft sie mit einer Hand so mühelos auf den Rücksitz, als wäre sie nicht schwerer als ein Taschentuch. Arno erstarrt mitten in der Bewegung, als er dies beobachtet. «Die Frau ist verdammt viel stärker als sie aussieht!», denkt er, «Da fress' ich doch einen Besen, wenn die ein Problem hat, jemand mit einer Bierflasche zu erschlagen!»