Unrecht heißt Familienrecht
Justiz der Lügner - Kapitel 28
Somit war also das Wohnungstauschprojekt mit Umme, auf das sie soviel Hoffnung gesetzt und in das sie so viel Zeit und Energie gesteckt hatte, endgültig vom Tisch. Und nun schwanden auch die Aussichten, dass dem ständigen Anzapfen ihres Telefons durch den Wohnungswechsel ganz von selbst ein Ende gesetzt würde. Marisa musste sich also notgedrungen doch wieder an die Telefongesellschaft wenden, was um so dringlicher geworden war, da sich der Anzapfer inzwischen nicht mehr nur aufs Mithören beschränkte.Immer häufiger kam es wieder vor, dass die Leitung tot war, wenn Marisa telefonieren wollte, doch nach einiger Zeit funktionierte das Telefon mysteriöser Weise wieder, ganz wie in den alten Zeiten mit Kohlmeyers Zwischenschalter. Zuerst war Marisa völlig irritiert, denn sie konnte einfach nicht glauben, dass es Bert möglich wäre, ihre Leitung immer noch dermaßen zu manipulieren, schließlich hatte sie doch einen komplett neuen Anschluss. Sie glaubte, dass es irgendwo einen Wackelkontakt geben müsste und nahm ständig den Telefonapparat zur Überprüfung auseinander. Manchmal, wenn sie einen ganzen Tag lang umsonst versucht hatte, zu telefonieren und dann plötzlich das Telefon klingelte und vollkommen reibungslos funktionierte, hatte sie schon den Eindruck, tatsächlich geistig so durcheinander zu sein, dass sie nicht mehr fähig wäre, ein Telefon zu bedienen. Doch als dann auch wieder willkürlich ihre Telefongespräche unterbrochen wurden, musste sie erkennen, dass sie den Übergriffen auf ihr Telefon mit dem neuen Anschluss tatsächlich kein ein Ende gesetzt hatte. Das Einzige, was sich geändert hatte, war die regelmäßig jeden Monat über Janine bei ihr eintreffende Telefonrechnung.
Also rief sie nochmals ihre Telefongesellschaft an, bedingt durch die bisherigen Erfahrungen allerdings wenig hoffnungvoll. Aber nun erlebte sie ausnahmsweise mal eine positive Überraschung. Als sie ihre Telefonprobleme erläuterte und und auch von den beiden Malen berichtete, wo sie schon um eine Überprüfung nachgesucht hatte, urteilte die Sacharbeiterin sofort: «Eine Überprüfung bis zum Haus, das ist doch bei dem, was sie mir hier schildern, völliger Quatsch! Das muss doch direkt am Haus überprüft werden. Hat sich denn niemand von uns die Anschlüsse beim Haus angesehen?»
«Nein, nur bis zur Haustür. Der Anschluss fürs Haus ist nicht bei der Haustür, sondern auf der Rückseite, auf meiner Terrasse.»
«Haben denn außer Ihnen auch andere Personen Zugang zur Terrasse und wissen sie, ob der Verteiler verplombt ist?», fragte die kompetente Angestellte weiter. Marisa erklärte ihr: «Die Terrasse gehört zwar mir allein, aber eigentlich kann jeder im Haus von der Hoftür aus um die Ecke dahin laufen und ich bin sicher, dass da nichts verplombt worden ist, denn das wäre mir, als das Telefon angeschlossen wurde, aufgefallen.»
«Also das darf nicht sein, das muss verplombt werden. Sie müssen sich allerdings noch etwas gedulden, denn der zuständige Techniker fährt jetzt gerade in Urlaub.», antwortete die Frau. Marisa war froh, dass es überhaupt gemacht wurde, zudem kostenfrei und vereinbarte mit ihr einen Termin.
Einige Zeit später wurde Marisa durch einen unerwarteten Anruf vom Jugendamt aufgeschreckt. «Zecke-Fraude, vom Jugendamt», meldete sich die Anruferin, «Sie haben doch sicher Interesse daran, etwas zur Stärkung von Enricos Kommunikationsfähigkeit zu unternehmen!»
«Was meinen Sie denn damit?», fragte Marisa irritiert.
«Wir haben doch während meinem Hausbesuch bei Ihnen darüber gesprochen, dass Sie etwas derartiges suchen. Ich hätte Ihnen jetzt ein Angebot zu machen», verkündete die Sozialarbeiterin.
«Wir haben damals davon gesprochen, dass ich es gut fände, wenn Enrico mehr Möglichkeiten hätte, Gleichaltrige zu treffen, die seine Interessen teilen», stellte Marisa klar, «Beziehen sie sich vielleicht darauf?»
«Ja, ja, genau das», sagte Frau Zecke-Fraude übereifrig, «Ich habe da etwas für Sie anzubieten. Könnten Sie am Mittwochmorgen deswegen kurz bei mir in der Sprechstunde vorbeikommen?»
Marisa wunderte sich, wieso sie für die Preisgabe einer Adresse aufs Jugendamt kommen sollte und fragte: «Warum teilen Sie mir das denn nicht einfach gleich jetzt am Telefon mit?»
Doch die Sozialarbeiterin schien es furchtbar wichtig zu finden, sie persönlich zu treffen und so sagte Marisa, die im Hinblick auf die Sorgerechtsverhandlung unbedingt kooperativ wirken wollte, schließlich zu.
Kurz bevor es zu diesem Amtsbesuch kam, entdeckte Enrico einen Text auf dem Computer, der Marisa einen Hinweis darauf gab, warum Frau Zecke-Fraude sie so gerne noch einmal persönlich unter die Lupe nehmen wollte und der ihr zudem noch einen gehörigen Schock versetzte.
Es war ein außerordentlicher Zufall, denn bereits seit langem hatte niemand mehr einen Blick an irgendwelche konspirativen Schriften Bert Kohlmeyers verschwendet. Marisa war der Meinung, dass er inzwischen seine Absichten sowieso offen zeigte. Die geheimen Planungen, die sie anfangs bei Enricos Offenlegung so ungeheuer entsetzt hatten, lagen immerhin schon als offizieller Antrag bei Gericht vor.
Als Enrico daher rief: «Marisa, du musst dir unbedingt angucken, was der Bert hier geschrieben hat! Jetzt ist er vollkommen verrückt geworden!», winkte sie nur müde ab und meinte: «Wir kennen seine Absichten doch jetzt. Warum guckst du denn immer noch nach den Chats. Ich will gar nichts mehr von dem Müll sehen.»
«Nein, nein, keine Chats, das ist ganz was anderes, eine Liste mit Aufgaben, die er sich vorgenommen hat», erklärte Enrico, «Und im übrigen bin ich da zufällig draufgestoßen, als ich eine Datei von uns suchte, die er sich einfach runtergeladen hat.»
«Was für eine Datei hat der geklaut!», fragte Marisa nun doch alarmiert.
«Fotos von dir, die wo du tanzt», teilte Enrico ihr mit.
«Hol die sofort zurück!», regte sich Marisa auf, «Ich will doch nicht für den auf dem Monitor tanzen! Was hat er überhaupt damit vor, wie will er denn das Tanzen gegen mich verwenden?»
Enrico beruhigte: «Natürlich habe ich die gleich zurückgeholt, aber dabei bin ich auf die Liste gestoßen. Die musst du dir ansehen!»
«Na gut, dann lese ich das eben», meinte Marisa und las:
«Folgendes ist zu tun:
Punkt 1.) Regelmäßig die Lebensberatung aufsuchen!
Unterstützung suchen für die großen Herausforderungen
um mich selbst zu stärken, mich selbst weiterzuentwickeln, persönlich!»
«Huch, das klingt aber komisch, direkt psychopathisch!», fand Marisa, «Jetzt verstehe ich warum du meinst, er sei jetzt völlig verrückt geworden.»
«Nein, das ist doch irrelevant, der Punkt Zwei, Marisa! Den musst du lesen!», drängte Enrico. Marisa las:
«Punkt 2.) Jugendamt, Frau Zecke-Fraude anrufen und aufsuchen, wegen dem Lebenszustand der Kinder
- sind regelrecht weggeschlossen
- leben in einer von der Mutter konstruierten irrealen Angstwelt (die Welt drumherum ist böse, will den Kindern die Mutter wegnehmen, sobald andere nicht absolut einer Meinung mit der Mutter sind)
- Isolation der Kinder von der Außenwelt verstärkt sich durch den an sie weitergegebenen Verfolgungswahn der Mutter»
Marisa riss unglaubig die Augen auf rief entsetzt: «Was soll denn das? Das ist nicht nur verrückt, das ist ganz und gar ungeheuerlich!» Ihr lief es eiskalt den Rücken hinunter und sie überflog mit klopfendem Herzen die nächsten beiden Punkte von Berts Arbeitsplan.
Unter «Punkt 3.) Kontakt zu den Kindern suchen und ihnen erklären, warum sie besser bei mir leben», hatte er sich seine Argumente der Überzeugung notiert. Kurz registrierte Marisa hierbei Sätze wie «weil ich ihnen nicht den Kontakt zu anderen Menschen verweigere, nur weil sie eine andere Meinung haben könnten als ich» und «weil ich nicht an Verfolgungswahn leide und diesen an sie weitergebe.» Dann warf sie noch einen Blick auf «Punkt 4.) Fürs Gericht». Diese beiden Punkte klangen noch bedrohlich genug, aber sie konnten den Sätzen von Punkt Zwei mit ihrer eiskalten Bösartigkeit kaum den Rang ablaufen.
«Du hast Recht, Enrico! Gut, dass du das noch gefunden hast, bevor ich zu dem Termin im Jugendamt muss. Mit welch abenteuerlichen Geschichten über mein wahnhaftes Verhalten wird der inzwischen wohl schon diese Zecke-Fraude gegen mich beeinflußt haben!», sorgte sich Marisa. Ihr war es nun richtig unheimlich geworden und sie beschloss, sicherheitshalber ihre gesamten Papiere zum Sorgerechtsverfahren mit ins Jugendamt nehmen, um für alle Fälle gewappnet zu sein.
Traurig dachte sie daran, wie sie Berts erste Chats zum Thema `Kinder wegnehmen' gelesen hatte. Hatte sie da nicht noch geglaubt, dass sie nichts Schlimmeres mehr erleben könnte, - bis Enrico dann die Lügengeschichte vom alleinerziehenden Vater aufspürte. Und auch die wurde wieder übertrumpft von der Version, die inzwischen dem Gericht vorlag. Doch all das wurde nun von dieser bösartigen Liste nochmals in den Schatten gestellt. Gab es denn immer noch eine Steigerung? Was würde sich dieser Mann sonst noch alles einfallen lassen!
Es beunruhigte sie jetzt erst recht, dass Bert auf ihre Fotos zugegriffen hatte. Er hatte damit sicherlich eine Absicht verfolgt, genau wie mit der Verleumdung, sie leide an Verfolgungswahn. Er hätte jede beliebige psychische Störung für Frau Zecke-Fraude erfinden können, um sie pädagogisch in Mißkredit zu bringen, aber Verfolgungswahn garantierte mehr als das. Bei diesem Vorwurf konnte Marisa nichts, aber auch gar nichts, was Bert sich gegen sie und die Kinder zu Schulden kommen gelassen hatte, mehr vor Gericht erwähnen. Es würde alles nur noch ihren Verfolgungswahn beweisen.
Hatte Bert vielleicht vorgehabt, ihre Fotos im Fotobearbeitungsprogramm so zu überarbeiten, dass sie als Beweis für ihre Verrücktheit zu benutzen waren? Marisa wusste, wie geschickt er bei so etwas war, schließlich gehörten Fotocollagen schon seit Jahren zu seinen künstlerischen Ausdrucksmitteln. Es würde ihm kein Problem bereiten, Marisa nur mit Jeans und Unterhemd bekleidet, in einer Schneelandschaft herumtanzen zu lassen oder womöglich in einer Pennergruppe auf dem Marktplatz. Hoffentlich hatte Enrico bloß ihre Fotos zurückgeholt, bevor Bert Kohlmeyer sie künstlerisch umgearbeitet hatte!
Beim dem kurz darauf stattfindenden Besuch im Jugendamt merkte Marisa gleich, dass Bert Kohlmeyer seine neuesten Verleumdungen bereits erfolgreich eingebracht hatte. Frau Zecke-Fraude verfolgte jeden Satz, jeden Blick, jede Bewegung von ihr mit forschenden Blicken. Statt Marisa die Adressen der Jugendgruppen zu geben, für die sie sie einbestellt hatte, stellte sie ihr Fragen über ihr Zusammenleben mit den Kindern, die Marisa samt und sonders überflüssig und belanglos vorkamen, auch wenn ihr dämmerte, dass sie in der Absicht gestellt wurden, die häuslichen Verhältnisse zu durchleuchten. Schließlich sah Frau Zecke-Fraude sie bedeutungsvoll an, räusperte sich und kam zur Sache: «Herr Kohlmeyer hat einige gravierende Vorwürfe gegen Sie vorgebracht, denen wir nachzugehen haben!»
«Aha», dachte Marisa siegesgewiss, «Wie gut, dass ich Bescheid weiß, dass es dabei um Verfolgungswahn geht! Welch ein Glück, dass Enrico noch gerade rechtzeitig den Text darüber gefunden hat!» und sie sagte selbstbewußt und sogar belustigt: «Ja, ja, Frau Zecke-Fraude, ich weiß, dass er mich für verrückt erklären will, aber womit will er seine Behauptungen belegen! Dafür muss er doch wohl erst mal Beweise vorlegen!»
«Nein, das muss er nicht!», entgegnete die Sozialarbeiterin kühl, «Wenn von einem Vater derartig gravierende Vorwürfe kommen, müssen wir das sehr, sehr ernst nehmen. Sie haben damit zu rechnen, dass das Gericht ein Gutachten über Ihre Erziehungsfähigkeit anfordern wird!»
«Über meine Erziehungsfähigkeit! Das ist ja wohl ein Witz, meine pädagogischen Fähigkeiten muss ich nicht beweisen, die sind unumstritten. Da kann ich jede Menge Zeugen für anbringen, aber Herr Kohlmeyer wird es schwer haben, nur den kleinsten Beweis für seine Lüge zu finden, dass ich verrückt wäre!», empörte sich Marisa, «Kann hier etwa jeder ankommen und Lügen auftischen, so viel er will und das wird dann der verleumdeten Person ohne jede Überprüfung angehängt?»
«Herr Kohlmeyer ist für mich nicht weniger glaubwürdig als Sie!», konstatierte Frau Zecke-Fraude hochmütig.
«Ach was!», gab Marisa nun verärgert zurück, «Der lügt doch nicht das erste Mal, allmählich müssten Sie doch schon allein auf Grund der Widersprüche, in die er sich dabei verheddert, in der Lage sein, ihn als Lügner zu erkennen!» und sie schlug ihre Mappe mit den Gerichtsunterlagen auf, um das Gesagte mit ein paar Beispielen zu belegen.
Frau Zecke-Fraude riss daraufhin wie elektrisiert die Augen auf und starrte begierig auf Marisas Dokumente. Bevor Marisa aus ihren Papieren zitieren konnte, zeigte die Sozialarbeiterin auf einen Packen zusammengehefteter Blätter mit der Überschrift «Gegendarstellung zu B. Kohlmeyers Behauptungen» und sagte voll eifriger Anspannung: «Was ist denn das, geben Sie mir das mal her!»
Während Marisa noch antwortete: «Das habe ich zu den Behauptungen von Herrn Kohlmeyers Antrag fürs alleinige Sorgerecht geschrieben», hatte die Sozialarbeiterin ihr schon die Texte aus der Hand gerissen und rannte damit zur Tür. «Ich kopiere mir das nur mal schnell!», rief sie Marisa auf dem Weg noch zu, «Das Gericht würde mir das sowieso schicken, da können Sie es mir auch ruhig jetzt schon geben!»
«Aber das ist doch kein Text fürs Gericht!», wehrte Marisa ab, «Das ist ein persönlicher Text für meine Rechtsanwältin!»
Doch da war Frau Zecke-Fraude schon hinter der Tür verschwunden. Nach fünf Minuten kam sie wieder in ihr Büro und gab Marisa die entwendeten Papiere zurück, wobei sie sich verhielt, als wäre es ihr selbstverständliches Recht, Besuchern Papiere aus der Hand zu reißen, um sie ohne deren Einwilligung zu kopieren. Marisa fühlte sich dadurch dermaßen vor den Kopf geschlagen, dass sie regelrecht sprachlos wurde.
Dann fasste sie sich wieder und sagte, nun sehr reserviert: «Hatten Sie mich nicht deshalb herbestellt, weil Sie mir irgendeine Adresse für Enrico geben wollten?»
«Ja, selbstverständlich, das wollte ich gerade machen», sagte Frau Zecke-Fraude, «Ich habe hier eine Telefonnummer für Sie notiert. Rufen Sie dort an, die werden Ihnen weiterhelfen.» Sie zog dabei eine Schublade ihres Schreibtisches auf und überreichte Marisa einen Zettel mit einer Telefonnummer unter dem Wort Kinderschutzambulanz.
«Kinderschutzambulanz?», las Marisa zweifelnd, «Ist das nicht eine Institution für mißbrauchte und mißhandelte Kinder? Was soll ich denn damit!»
«Nein, nein, das ist nur ein Bereich, in dem die Kinderschutzambulanz aktiv ist, inzwischen bieten die darüber hinaus ein sehr breit gefächertes Angebot in der Jugendarbeit», behauptete die Sozialarbeiterin in bestimmtem Ton, doch ihr Blick war dabei alles andere als bestimmt, ihre Augen huschten geradezu auffällig ausweichend hin und her.
Marisa war beunruhigt. Hier stimmte etwas ganz und gar nicht. Sie spürte, dass ihr eine Falle gestellt werden sollte und überlegte fieberhaft, wie sie vermeiden könnte, hineinzutreten. Schließlich entschloss sie sich, das Angebot höflich abzulehen, indem sie erklärte, sie glaube nicht, dass dort etwas für Enrico geboten würde. Sie wäre nur deswegen gekommen, weil sie geglaubt hätte, Frau Zecke-Fraude hätte ihr ein Angebot im Zusammenhang mit Hochbegabtenförderung machen wollen.
Auf Marisas Ablehnung reagierte Frau Zecke-Fraude äußerst ungehalten und keifte sie mit spitzer Stimme an: «Also, wenn das so ist, wenn sie meine Angebote schon ablehnen, ohne sich überhaupt richtig darüber zu informieren, dann sehe ich das als grundsätzlichen Mangel an Kooperationsbereitschaft von Ihrer Seite an. Wenn Sie sich so verhalten, kann ich Ihnen nur noch das Angebot machen, dass ein Sozialarbeiter regelmäßig zu Ihnen nach Hause kommt, um sich dort intensiv um die Probleme ihrer Kinder zu kümmern.»
So in die Enge getrieben, sagte Marisa schließlich: «Das halte ich für noch sinnloser. Da werde ich doch erst mal nachfragen, was die Kinderschutzambulanz bietet.» und verabschiedete sich. Widerstrebend rief sie dann später bei der ihr ausgehändigten Telefonnummer an und vereinbarte einen Gesprächstermin für Dienstagmorgen, voller Wut darüber, dass ihr wieder einmal sinnlos die Zeit gestohlen werden würde, denn sie war sich bereits ziemlich sicher, dass in Bezug auf Enricos Interessen nichts, aber auch gar nichts bei diesem Besuch herauskommen würde.
Sie ärgerte sich dermaßen über den sinnlosen Zeitverlust, dass ihr ein anderer Aspekt erst einmal überhaupt nicht auffiel, nämlich die seltsame Koinzidenz, dass Bert Kohlmeyer bereits vor einigen Wochen dem Amtsgericht ein nicht existierendes Gutachten über sie als Beweis für seine Lügengeschichten angekündigt hatte, und Frau Zecke-Fraude ihr nun auf einmal androhte, dass das Gericht ein Gutachten über ihre Erziehungsfähigkeit verlangen würde.
Am nächsten Montag, als Marisa Robby von der Schule abholte, rief er ihr gleich voll Freude zu: «Morgen ist schulfrei! Ist das nicht toll?»
Marisa war nicht so begeistert: «Ausgerechnet morgen, da habe ich doch den Termin bei dieser Kinderschutzambulanz. Dann müsstest du allein im Haus bleiben. Enrico geht in die Uni»
«Ist denn der Kohlmeyer im Haus? Wenn der da ist, bleibe ich nicht allein in der Wohnung, da habe ich zuviel Angst!», antwortete Robby.
«Vermutlich ist er da, er geht in letzter Zeit nicht oft weg», meinte Marisa, «Weißt du was, komm doch einfach mit, es dauert bestimmt nicht lange! Ich soll doch da nur hin, um mir irgendwas über Jugendgruppen für Enrico zu holen. Wenn wir schnell wieder da raus sind, können wir anschließend noch die Schuhe für dich kaufen gehen.»
«Was denn für Gruppen? So was interessiert Enrico doch nicht!», meinte Robby und Marisa erklärte: «Vermutlich überflüssiger Quatsch! Ich muss da nur hin, um die Zecke vom Jugendamt nicht zu verärgern, denn das Amt hat Einfluß aufs Gericht.»
So gingen sie also am nächsten Morgen zusammen zur Kinderschutzambulanz. Fast wären sie daran vorbeigelaufen, denn Marisa hatte ein irgendwie amtlich aussehendes Gebäude erwartet, doch die Institution befand sich in einem Wohnhaus in einem reinen Wohnbezirk. Im Flur der Erdgeschosswohnung war eine kleine Emfangstheke im Stil einer Arztpraxis aufgestellt, die von einer jungen blonden Frau mit Bulldoggengesicht bewacht wurde. Marisa meldete sich dort an, in der Erwartung nun endlich die ominösen Informationen ausgehändigt zu bekommen, für die so lange durch die Gegend geschickt worden war. Doch die von ihr angesprochene Frau teilte ihr unfreundlich mit: «Sie müssen warten! Für Sie ist Frau Lorenz zuständig, die ist noch nicht da.»
«Ich bin aber für zehn Uhr bestellt, und Sie haben doch gerade Zeit», sagte Marisa zu der offensichtlich unbeschäftigten Frau, «Da kann ich mich doch auch an Sie wenden!»
«Nein, ich mache hier nur den Telefondienst, warten Sie auf Frau Lorenz», wimmelte die Frau sie ab. Marisa und Robby konnten sich nun einige Zeit in einem ungemütlichen Warteraum langweilen, in dem es außer einem Minimum an ödem Kleinkinderspielzeug nichts für Kinder, geschweige denn für Jugendliche gab. Selbst wenn Marisa beim Eintreffen tatsächlich die Erwartung gehabt hätte, hier etwas für Enrico geboten zu bekommen, wäre sie ihr beim Anblick dieses Raumes schnell verloren gegangen.
Nach zwanzig Minuten Wartezeit, steckte eine kleine hausmausartige Frau mittleren Alters den Kopf in den Warteraum und forderte Marisa auf, mit in den zweiten Stock hochzukommen. Die Frau, die sich unterwegs als Frau Lorenz zu erkennen gab, hatte nicht nur das Aussehen einer grauen Maus, sie warf auch ständig ängstliche Seitenblicke aus ihren kleinen Mauseäuglein auf Marisa, als hätte sie Angst, dass diese plötzlich mit einem Satz auf sie springen würde, um ihr das graubraune Köpfchen abzubeißen. Die schlanke, nur knapp mittelgroße Marisa fühlte sich neben dieser Huschmaus bald wie eine massige Riesin.
Nachdem sie einige enge Treppen hochgegangen waren, schloß Frau Lorenz die Tür der zweiten Etage auf und sie betraten eine Diele, die mit einem häßlichen, schmutzfarbenen Teppichboden ausgelegt war. Frau Lorenz sorgte für einen ausreichenden Sicherheitsabstand zu Marisa, bevor sie diese mit Nörgelstimme angriff: «Wieso bringen Sie das Kind da mit! Es war ein Elterngespräch vereinbart!» und sie warf Robby einen ärgerlichen Blick zu. Der drängte sich daraufhin sofort an Marisa und fasste sie an der Hand. Frau Lorenz redete weiter, während sie die Zimmertüre, vor der sie nun standen, öffnete: «Das geht auf keinen Fall, dass der Junge mit in den Beratungsraum geht.»
Marisa war äußerst befremdet und antwortete: «Ich habe wirklich nicht geahnt, dass das so ein Problem für Sie darstellt, wenn ich mit meinem Kind komme, schließlich ist das hier doch eine Institution für Kinder oder etwa nicht?»
«Natürlich ist das eine Institution für Kinder! Aber es gibt schließlich Dinge, die Kinder nicht mithören sollen!», entgegnete die mausige Psychologin in schneidendem Ton.
«Also bitte!», gab Marisa ruhig zurück, «Ich sehe da nichts Geheimnisvolles daran, wenn mir Frau Zecke-Fraude sagt, ich soll mir hier Informationen über Jugendangebote geben lassen, damit mein Ältester mehr Kommunikationsmöglichkeiten kriegt.»
«Erst müssen wir mal im Elterngespräch die familiären Hintergründe klären, so etwas ist nicht für Kinderohren geeignet», sprach die kleine Frau von oben herab, «und dann muss ich noch ein Gespräch mit ihrem älteren Sohn führen, bevor ich ihm überhaupt das richtige Angebot machen kann!»
Kooperationsbereit zeigte Robby auf den Stuhl im Flur und sagte: «Ich kann ruhig hier vor der Tür warten, ich setze mich so lange dahin.»
Daraufhin wurde Frau Lorenz geradezu wütend. Ein kleiner Knirps traf Entscheidungen in ihrem Hoheitsgebiet, welch eine Ungeheuerlichkeit! Dem würde sie es aber zeigen! Hysterisch keifte sie Robby an: «Nein, das tust du nicht, du gehst da rein!» und dabei zeigte sie auf ein schlauchartiges Zimmer am anderen Ende des Flurs.
Robby warf einen Blick in den engen Raum und entschied: «Nein, ich warte lieber vor der Tür.»
Noch ein Widerspruch! Das brachte die Psychologin regelrecht zum Ausrasten. Mit überschnappender Stimme und zitternd ausgestrecktem Zeigefinger, schrie sie Robby an: «Nein, du gehst da rein! Wirst du wohl sofort da rein gehen!»
Robby widersprach nochmals. Nach diesem Auftritt der Psychologin würde er niemals nachgeben, aber er war inzwischen so gestresst, dass er nur noch weinend widersprechen konnte. Nun reichte es Marisa, sie ließ ihre Kinder nicht von irgendwelchen Leuten zur Schnecke machen. Normalerweise hätte sie jetzt diese häßliche, dreiste Maus so niedergemacht, dass die sich in Zukunft niemals mehr getraut hätte, ihr mickriges Selbstwertgefühl auf Kosten von Kindern aufzupolieren. Nur die Angst, dass sie das Jugendamt gegen sich aufbringen würde, hielt Marisa davon ab, hier mal ordentlich auf den Putz zu hauen, denn schließlich war ihr schon damit gedroht worden, ihr eine amtliche Überwachungsperson ins Haus zu schicken. Wo kein Angriff möglich ist, bleibt nur die Flucht und so erwog Marisa, die sich bei freier Wahl für den Angriff entschieden hätte, nun schnellstmöglichst zu flüchten.
«Du wirst Enrico mit Sicherheit niemals zu Gesicht bekommen, du schäbbige kleine Maus!», dachte sie erbittert, aber sie beschränkte sie sich, in Gedenken ans Jugendamt, darauf, zu sagen: «Ich glaube, ich verabschiede mich jetzt besser.»
«Dann müssen sie aber nächste Woche nochmal zu einem Termin kommen!», bestimmte Frau Lorenz diktatorisch.
«Na gut», sagte Marisa, die nun zu allem Ja und Amen gesagt hätte, wenn sie dadurch nur Robby schneller aus dieser feindlichen Umgebung schaffen könnte. Sie konnte den Termin nächste Woche ja nur wahrnehmen, um bei der Gelegenheit klarzustellen, dass inzwischen kein Angebot für Enrico mehr benötigt würde. Besser die Sache friedlich in Luft aufzulösen, als Auseinandersetzungen mit Ämtern zu riskieren, solange noch ein Sorgerechtsprozeß anstand.
Bevor Marisa gehen konnte, hielt Frau Lorenz ihr noch rasch ein Formular hin: «Den Personalbogen füllen Sie mir bitte aber jetzt schon aus!»
Marisa schrieb eilig ihre persönlichen Daten in das Formular, ohne an irgendetwas anderes zu denken, als nur wegzukommen. Sie kam nicht auf die Idee, dass sie durch die Preisgabe ihrer Daten in irgendeiner Weise Verbindlichkeiten eingehen, sich zu irgendetwas verpflichten könnte und handelte dabei nicht einfach aus Naivität, sondern schlicht aus Gewohnheit. Marisa, die Künstlerin, betrachtete sich als eine öffentliche Person, denn ihre Daten waren längst von jedermann einsehbar. Man konnte sie in zahlreichen Katalogen nachschlagen und im Internet herunterladen. Sie hatte schon ganze Berge von Personalbögen im Zusammenhang mit ihrer Arbeit ausgefüllt. Was kam es da auf einen mehr an!
Frau Lorenz nahm den ausgefüllten Personalbogen an sich. Sie sah mit ihren kleinen Äuglein und ihrem gespitzten schmallippigen Mündchen immer noch aus wie eine Maus, aber nun guckte sie wie eine Maus, die gerade ein Katzenragout verspeist hat.
Marisa van Hünsel aber fuhr auf schnellstem Wege nach Hause, ein Einkauf war Robby nun nicht mehr zuzumuten. Sein freier Tag war schon genug ruiniert worden.
Mit größtem Widerwillen ging Marisa zu dem zweiten ihr aufgenötigtem Termin. Robby nahm sie diesmal selbstverständlich nicht mit, sie würde ihn um keinen Preis mehr in die Nähe dieser Frau Lorenz lassen und auch Enrico würde sie selbstverständlich nicht zu einer pädagogisch dermaßen unqualifizierten Person schicken. Sie hielt diesen Termin nur ein, weil sie hoffte, so auf eine freundliche Art eine definitive Absage anzubringen, damit sie nicht beim Jugendamt als unkooperative Person abgestempelt würde.
Sie ignorierte also mit großer Gelassenheit die seltsame Art, mit der Frau Lorenz in begütigend-herablassender Art zu ihr sprach, sie ignorierte die ängstlich-forschenden Seitenblicke, die Frau Lorenz wie schon beim letzten Mal immer wieder über sie huschen ließ, während sie wieder die Treppen zum Büro hinaufgingen. Oben angekommen, nahm Frau Lorenz hinter einem großen Schreibtisch Platz und wies Marisa an, sich auf die Gegenseite zu setzen. Mit dem so gewonnenen Sicherheitsabstand, fühlte sich die Psychologin sogleich wieder in der Überlegenheitsposition und betrachtete Marisa erst einmal mehrere Minuten mit kritisch-überheblicher Miene, um sie dadurch zu verunsichern. Dann sagte sie plötzlich unvermittelt in bestimmtem Ton: «So, nun erzählen Sie mir mal: Wie war das für Sie, als Sie Herrn Kohlmeyer das erste Mal begegnet sind!»
Marisa war völlig baff, das war wirklich die letzte Frage, die sie erwartet hätte. Was hatte das denn mit Enricos Interessen zu tun?
«Also, das tut doch wohl nichts zur Sache», erwiderte sie daher, «Das ist doch schon ewig her und war eine vollkommen belanglose Begegnung.»
Die Psychologin kanzelte sie daraufhin gleich ab: «Ich versuche hier den familiären Hintergrund ihres Sohnes zu klären. Was dabei belanglos ist und was nicht, haben Sie nun ganz und gar nicht zu entscheiden! Würden Sie jetzt bitte meine Frage beantworten!»
«Ich habe die Frage im Grunde genommen beantwortet: Es war eine belanglose Begegnung in einer Kneipe, die zudem über zwanzig Jahre zurückliegt», entgegnete Marisa, «Und inzwischen ist die Beziehung zu Herrn Kohlmeyer überhaupt schon längst beendet, Schnee von gestern, abgehakt.»
Frau Lorenz stülpte mißbilligend ihr Mündchen und sagte besserwisserisch: «Sie verleugnen Ihre Probleme damit, den Zusammenbruch Ihrer Familie zu verarbeiten? Den Verlust einer langjährigen Partnerschaft verkraftet man nicht in ein paar Wochen! Sie brauchen psychologische Hilfe, um das Trauma zu bewältigen!»
«Das wurde ja immer abstruser! Vielleicht war sie hier irrtümlich zur Familientherapie angemeldet worden», dachte Marisa und versuchte eine Klarstellung: «Also, ich bin hier wirklich nur hingekommen, weil Frau Zecke-Fraude behauptete, ich solle hier über Jugendfreizeitangebote unterrichtet werden, nicht weil ich eine Familientherapie benötige. Und Sie gehen auch sonst von völlig falschen Voraussetzungen aus. Die Beziehung zu Herrn Kohlmeyer ist nicht erst seit ein paar Wochen, sondern schon seit dreiviertel Jahr beendet. Zudem hatte ich mit ihm nie so eine Familiengemeinschaft, wie Sie es vermuten. Herr Kohlmeyer war nicht mein Mann, bei meinen Kindern handelt es sich um die nicht-ehelichen Kinder einer ledigen Mutter.»
«Sie versuchen doch nur die Bedeutung des Vaters herunterzuspielen! Sie verneinen ihre Gefühle! Sie sind unfähig die Problematik Ihrer Kinder zu erkennen!», ereiferte sich die Psychologin.
Marisa bemühte sich ruhig und gelassen zu erwidern, dass es überhaupt kein Problem mit Herrn Kohlmeyer mehr gäbe, soweit es anfangs Probleme gegeben habe, wären diese längst aufgearbeitet. Dass es sehr wohl jede Menge Probleme mit diesem Mann gab, jedoch Probleme ganz anderer Art, als die ihr hier unterstellten, würde sie dieser bornierten Hysterikerin ganz sicherlich nicht auf die Nase binden. Sie würde weder Probleme mit den diversen Varianten des Telefonterrors erwähnen, noch die Tatsache, dass sie sozusagen im Bermudadreieck der Postzustellung lebte, ganz zu Schweigen von nächtlichen Einbrüchen oder unheimlichen Gespenstergeräuschen aus den Lüftungsschächten. Sie konnte nämlich gerne darauf verzichten, dafür das Etikett Verfolgungswahn angeheftet zu bekommen. Und wieder war sie Enrico dankbar für die am Computer gewonnen Erkenntnisse, denn ohne das Wissen über Berts Verleumdungsabsichten, hätte sie all diese Vorkommnisse, auf das Stichwort Probleme hin, bestimmt erwähnt und wäre als geistesgestört abqualifiziert worden.
Frau Lorenz taxierte Marisa nun eine Weile mit vielsagenden Blicken, wie ein Kartenspieler, der gleich seinen Trumpf auf den Tisch knallen wird. Dann sagte sie betont beiläufig: «Herr Kohlmeyer hat Sie nach langen Jahren der Beziehung um einer anderen Frau willen verlassen, es ist selbstverständlich, dass Sie das emotional tief getroffen hat. Diese ungeheuerliche Kränkung kann ich gut nachvollziehen, aber Sie dürfen ihre persönliche Betroffenheit nicht an ihren Kindern auslassen!»
Marisa war überrascht. Ihrer Meinung nach, musste man schon äußerst eitel sein, oder ein extrem geringes Selbstwertgefühl besitzen, um sich so gekränkt zu fühlen. Und glaubte diese Frau eigentlich, Bert Kohlmeyer wäre der einzige Mann ihres Lebens gewesen, das Ende der Beziehung ein untragbarer Verlust? Marisa musste schmunzeln, weil sie daran dachte, wie Bert ihr noch, wenn auch unfreiwillig, die Beziehung zu Guido als Abschiedsgeschenk hinterlassen hatte, Guido, der sie inzwischen regelmäßig jeden Monat besuchte und ihr täglich so zärtliche Briefe schrieb. Sie fand, dass sie einen verdammt guten Tausch gemacht hatte bei diesem `Verlassen werden'.
Laut sagte sie: «Ach was, der kann mich gar nicht mehr kränken, dafür ist er mir schon zu gleichgültig. Immerhin war ich ja auch eine Woche später schon wieder mit einem früheren Freund zusammen, noch dazu mit dem, der mir ohnehin der Liebste von allen ist. Ich habe noch nie jemand lange hinterher getrauert, sondern hatte immer gleich einen neuen Freund, wenn mit einem Mann Schluß war.»
Marisa hatte zwar nicht vorgehabt, dieser Frau Lorenz Informationen über ihre Kinder oder sich selbst zu liefern, aber mit diesem kleinen Einblick in ihr Privatleben hoffte sie, ihr in Bezug auf die Fehleinschätzung der Beziehung zu Bert, den Wind aus den Segeln zu nehmen. Doch da hatte sie sich schwer verschätzt. Sie hatte die Psychologin damit keineswegs von ihrer falschen Fährte gelockt, sondern stattdessen in der graumäusigen Frau Lorenz den Haß und Neid des unattraktiven Weibchens gegenüber der Frau, die die Aufmerksamkeit der Männer auf sich zieht, erweckt.
Jetzt traf Marisa das volle Maß von Frau Lorenz Feindseligkeit. Die Psychologin tadelte sie erst einmal belehrend: «Wenn das Ihre übliche Konfliktbewältigungsstrategie in Partnerschaftskonflikten darstellt, haben Sie allerdings ganz dringend psychologische Hilfe nötig!»
Sodann gab sie Marisa Anweisungen, wie sie mit ihren Kindern umzugehen habe, als handele es sich bei Marisa um eine pädagogisch vollkommen unfähige, minderjährige Person. Vor allem aber wurde mit Marisa kein Gespräch geführt, sondern ein Verhör, ein Verhör bei welchem Frau Lorenz versuchte, sie mit allerlei rhetorischen Tricks psychisch aus dem Gleichgewicht und so zu verräterischen Aussagen zu bringen. Welches Vergehen Marisa gestehen sollte, wurde ihr nicht richtig klar, doch nun wusste sie immerhin, dass sie mit ihrer Einstufung der Kinderschutzambulanz als Institution für mißbrauchte und mißhandelte Kinder Recht gehabt hatte. Hier wurde keine vielseitige Jugendarbeit betrieben, hier war sie unter einem Vorwand hergelockt worden, um sie eines schwerwiegenden Vergehens zu überführen, vermutlich auf eine Anzeige Bert Kohlmeyers hin.
Sie entzog sich daher der inquisitatorischen Gesprächsführung so gut es ging, gab Antworten so nichtssagend, dass es die Kommentare eines Politikers in den Schatten stellte und ließ die Psychologin dermaßen ins Leere laufen, dass diese nach einer Weile bereit war, ihr Verhör abzubrechen.
Ach war Marisa froh, endlich hier wegzukommen! Sie musste sich geradezu zwingen, nicht mit riesigen Sätzen die Treppen hinunterzuspringen, sondern nur zügigen Schrittes hinwegwegzueilen. Erleichtert erblickte sie die Ausgangstür, doch sie hatte sich zu früh gefreut, gerade als sie die Hand nach der Tür ausstrecken wollte, rief eine Stimme vom Emfangstresen sie zurück: «Frau van Hünsel, würden Sie bitte noch hierher kommen!»
Die diktatorische Stimme kam von einer Sekretärin, die nun mit einem Din-A-4-Blatt wedelte und dazu meinte: «Ich wollte das heute an Sie schicken, aber nun können Sie es auch gleich mitnehmen!»
Marisa wunderte sich, dass ihr von dieser Stelle, mit der sie niemals mehr etwas zu tun haben wollte, noch Post gesendet werden sollte. Der normale Postweg wäre ihr hier doch lieber gewesen, da er die Chancen, dass das Blatt tatsächlich bei ihr landen würde, erheblich verringert hätte. Doch die Sekretärin drückte ihr das Papier direkt in die Hand.
Der Text begann mit dem Satz: Da ich Sie telefonisch nicht erreichen konnte, schicke ich Ihnen die Diagnosetermine für Enrico und Robby zu. Es folgte eine Terminliste mit drei Terminen für jedes Kind, dann schloss der Brief mit einem Absatz, indem nochmals über ihre telefonische Unerreichbarkeit lamentiert wurde und der ausdrücklichen Forderung nach ihrer Telefonnummer. Aha, da wurde ihr Bert Kohlmeyers Telefonterror schon mal als Kooperationsunwilligkeit angekreidet! Und dann all die Termine, was sollte denn das? Sie hatte hier doch niemals nach einer Diagnostik für ihre Kinder gefragt! Auf einen Blick erfasste sie, dass für Robby sämtliche Termine dienstags und für Enrico alle Termine donnerstags festgesetzt waren. Hervorragend, dienstags war Robbys Geigenstunde, donnerstags Enricos Uniseminar!
«Oh, das tut mir leid!», sagte sie daher auf der Stelle, «Von diesen Terminen kann ich keinen in Anspruch nehmen, da haben meine Kinder andere Verpflichtungen.»
Die Sekretärin wurde ungehalten: «Sie haben kein Recht, das einfach abzulehnen!»
«Aber sicher habe ich das, die Geigenstunde und das Seminar an der Uni, die zu diesen Zeiten stattfinden werden, haben nämlich einen wesentlich höheren Stellenwert», antwortete Marisa bestimmt.
«Das geht mich nichts an. Wenn Sie Terminänderungen wünschen, müssen Sie das mit Frau Lorenz besprechen», entgegnete die Frau unwirsch. Verärgert durch den unverschämten Tonfall der Sekräterin, antwortete Marisa nun mit Arroganz: «Nein, nein, das haben Sie wohl mißverstanden, ich will hier keine Termine ändern, ich werde hier überhaupt keine Termine in Anspruch nehmen!»
«Sie können nur bei Frau Lorenz absagen!», bekam sie jetzt zu hören.
«Wieso? Sie haben mir doch diesen Brief geschrieben, dann werde ich ja wohl auch hier absagen können», entgegnete Marisa locker.
Die Frau geriet daraufhin völlig aus dem Häuschen. «Sagen Sie das zu Frau Lorenz! Sie können nur bei Frau Lorenz absagen!», wiederholte sie immer wieder lautstark und wedelte mit ihren Armen in Richtung der Treppe, so dass Marisa, verblüfft über das seltsame Gebaren der Sekretärin, doch noch einmal zu der Psychologin zurückging.
«Frau Lorenz, diese Termine können meine Kinder nicht in Anspruch nehmen», teilte sie mit Hinweis auf die bereits bestehenden Verpflichtungen mit und schloss: «Und überhaupt, wieso werden aus einem Gesprächstermin mit Enrico auf einmal sechs Diagnosetermine für beide Kinder? Von Robby war doch noch niemals die Rede, also streichen Sie die Termine schon mal ganz!».
Die Psychologin durchbohrte Marisa mit einem strengen Lehrerblick und kanzelte sie dann in einem Ton ab, als spräche sie mit einer ungezogenen Dreijährigen: «Nein, nein, das kommt überhaupt nicht in Frage! Sie kommen schön mit ihm her!»
So ließ sich Marisa nun nicht behandeln, hiermit hatte Frau Lorenz einen Punkt überschritten, der Marisas Reservoir an Kooperationsbereitschaft definitiv versiegen ließ. Sie konnte auch schön von oben herab abkanzeln, wenn ihr jemand unverschämt kam und so antwortete sie der Psychologin entsprechend hochtrabend: «Es dürfte doch wohl klar sein, dass die von mir erwähnten Unterrichtsveranstaltungen pädagogisch eine wesentlich höhere Relevanz haben, als irgendwelche Gespräche mit Ihnen! Außerdem steht bei Robby noch eine Klassenfahrt an, unverzichtbar für die wichtige Gruppenintegration. Diese Fahrt wird vermutlich auch mit ihrem Terminplan kollidieren. Es bleibt also dabei, die Termine sind abgesagt!» und damit drehte sie sich auf dem Absatz herum und ließ die Psychologin einfach stehen. Die hatte fest auf die einschüchternde Wirkung ihres Tonfalls vertraut und stand nun erst einmal fassungslos da. Vor Überraschung klappte sie ihr Mündchen mehrmals auf und zu, bevor sie dann herausbrachte: «Die Termine können Sie nur schriftlich absagen!»
«Jawohl, das werde ich umgehend tun!», antwortete Marisa sehr bestimmt und verließ den Raum. Diesmal gelang es ihr, aus dem Haus zu kommen.
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